Über Amt und Würde

So habt nun Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist eingesetzt hat zu Bischöfen, zu weiden die Gemeinde Gottes.

(Paulus beim Abschied in Ephesus, Apostelgeschichte 20, 28)

Ihr scheint als Lichter in der Welt, dadurch dass ihr festhaltet am Wort des Lebens. 

 (Philipper 2,15-16) 

 

 Zum Verständnis des Bischofsamtes in der United Methodist Church ist ein klarer Rahmen durch die weltweit gültige Kirchenordnung gegeben. Ich will hier nicht dieses Amt im Grundansatz diskutieren. Aber als Bischof im Ruhestand will ich im Rückblick einzelne persönliche Erfahrungen zum Thema mit meinen Blogleserinnen und -lesern teilen.

 

Bei meiner Wahl zum Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche von Mittel- und Südeuropa im Jahr 1989 war ich 48 Jahre alt. Für die Kirchen in Südosteuropa war das eindeutig „zu jung“! „Ein Bischof ist doch ein würdiger Alter mit weissen Haaren“, lautete da und dort der Kommentar hinter vorgehaltener Hand. Die Enttäuschung war offensichtlich. Im orthodoxen Umfeld hätte vielleicht ein Vollbart dem äusseren Erscheinungsbild eine würdevollere Note geben können.

Als die polnischen Kirchenvertreter entdeckten, dass ich im eigenen Kleinwagen zu kirchlichen Terminen anreise, mahnten sie, dass in der polnischen Kultur ein Bischof eine Limousine mit Chauffeur brauche. So liess ich mich eben von den polnischen Superintendenten zur Sitzung des ökumenischen Rates in Warschau bringen.

 

In Westeuropa hingegen — mit einigen Abstrichen auch in Österreich — war die Kritik an Institutionen und Ämtern schon so weit fortgeschritten, dass die Pastoren mich fragten, ob sie mich in Zukunft wirklich mit „Herr Bischof“ ansprechen müssten. Manchmal war es geradezu peinlich, wenn ich beim Besuch einer Kirchgemeinde nur mit meinem Vornamen begrüsst wurde. Die Methodisten in Frankreich kreierten ihre eigene Begrüssungsformel: Le Pasteur Henri Bolleter, notre évêque. Der Bischofstitel war in Frankreich im freikirchlichen Milieu eher ungewohnt.

 

Kurz nachdem ich mich im Bischofssekretariat in Zürich installiert hatte, besuchte mich der Gemeindepräsident einer grösseren politischen Gemeinde im Kanton Aargau. Er verstand etwas von der Würde und der Bürde eines Amtes. Er empfahl mir, es nie an Sorgfaltspflicht und Gewissenhaftigkeit fehlen zu lassen, und erklärte, was ein solches Amt erfordere. Er hatte bemängelt, dass ich als Redaktor des kirchlichen Wochenblattes etwa auch ungeschützt meine persönliche Meinung kundgetan hätte.

 

Nun war es ja evident, dass sich im Laufe der Zeit auch die kirchliche Leitungskultur veränderte. Mein Vorgänger hatte nach bewährten Vorbildern den Empfang von Gästen und Bittstellern im Bischofssekretariat so geregelt, dass man sich anmelden musste und von der Sekretärin des Bischofs empfangen wurde. Das Besprechungszimmer war mit extra gepolsterten Türen ausgestattet, um die Intimität der Aussprache mit dem Bischof zu gewährleisten. Ich hatte eine ganz andere Vorstellung von Amt und Würde. Ich suchte die Nähe zur Basis der Kirche und wollte einen partizipativen Leitungsstil pflegen. Der Zugang zum Bischof sollte darum möglichst niederschwellig und das Sekretariat für alle offen sein. So organisierten wir im Sekretariat Ausstellungen von Künstlerinnen und Künstlern und waren stolz auf die offene Türe.

 

Diese Offenheit hatte jedoch auch ihren Preis. Randständige hatten die offene Türe zum Bischof entdeckt. Wenn ich nicht unterwegs auf Reisen im grossen Aufsichtsgebiet von Mittel- und Südeuropa war, nahm ich mir öfter Zeit, um ihre Anliegen zu hören. Nicht immer konnte ich ihnen helfen oder ihren Wünschen entsprechen. Ein Ungeduldiger, der vom Bischof eine finanzielle Unterstützung forderte, verlor die Nerven und duschte meinen Schreibtisch und weiteres Mobiliar im Büro mit einer geschüttelten und überschäumenden Cola-Flasche.

 

Nach telefonischer Anmeldung besuchte mich eine Unternehmerin. Sie war als Kind mit ihrer Familie aus Armenien geflüchtet und hatte damals in einer EMK-Gemeinde am Schwarzen Meer lebenswichtige Hilfe bekommen. Zum Dank wollte sie nun, da es ihr jetzt gut ging, ein Zeichen des Dankes geben zur Ehre Gottes. Nach der politischen Wende in den 1990er Jahren waren die Gemeinden in Bulgarien auf Hilfe angewiesen. Hilfe war also willkommen. In mehreren Gesprächen versuchte ich der Frau verschiedene Hilfsprojekte schmackhaft zu machen. Sie jedoch hatte eine Vision, wie sie ihren Dank sichtbar umsetzen könnte. Sie wollte eine grosse Orgel spenden, auf welcher in gotischen Lettern stehen sollte: „Soli Deo Gloria“. Kein bischöfliches Wort konnte sie überzeugen, dass die akute Notlage andere Pläne erfordere. Sie hatte sich durchgesetzt und das Projekt einem Orgelbauer übergeben. Persönlich begleitete sie das Projekt und war dazu mehrfach nach Bulgarien gereist. Schliesslich durfte sie die Erfüllung ihrer Vision „Soli Deo Gloria“ erleben.

 

Andere Begegnungen in meinem Sekretariat trugen nachhaltige Früchte. Ein Treffen zwischen dem Superintendenten aus Prag und dem Leiter für Weltevangelisation des Weltrates Methodistischer Kirchen führte zur Entwicklung des Partnerschaftsprojektes „Connecting Churches“. Gemeinden in den USA halfen in den ehemals kommunistischen Ländern nach der politischen Wende den Neustart von Gemeinden zu unterstützen. Daraus sind bleibende Partnerschaften entstanden. Diese Initiative wurde auch zur Herausforderung für den General Board of Global Ministries, welcher darauf das Programm „in mission together“ initiierte.

 

Das Geheimnis des Bischofsamtes ist es, die Freude am Evangelium zu teilen, Gott zu dienen und den Menschen nahe zu sein. Mein Ziel war es, in einer Zeit des Umbruchs die Mission vor Ort durch meine Vermittlertätigkeit zu stärken und die Verantwortungsträger zu ermutigen. Dieser missionarische Ansatz öffnete viele Türen und stärkte die Zusammenarbeit über alle Grenzen hinweg. So entstand das regelmässige Treffen der Superintendenten als Kernteam sowie die Beauftragung einer Koordinatorin für den Frauendienst in Mittel- und Südeuropa. Auch die Idee, einen Fonds Mission in Europe zu begründen, wurde in Zürich im Gespräch mit dem damaligen Sekretär der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa entwickelt.

Je inflationärer der Gebrauch der Begriffe von Institution, Amt und Würde in der modernen Gesellschaft geworden ist, desto mehr zählen die individuellen menschlichen Fähigkeiten. Die Fähigkeit ist gefragt, eine vom christlichen Glauben geprägte Gemeinschaft zu repräsentieren, und das in einer Zeit, da die Glaubwürdigkeit und die Fragilität der Institution Kirche gnadenlos hinterfragt wird.

 

Noch immer trage ich gemäss unserem Kirchenrecht den Titel und die Würde eines Bischofs. Im Ruhestand habe ich jedoch Abstand genommen von jeglichem Versuch, auf die laufenden Prozesse in der Kirche oder gar auf die personellen Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Es galt einer nachkommenden Generation ihren Platz zu geben. Das war und ist nicht immer einfach. Das Joch des Amtes ist leichter geworden. Die Dankbarkeit vieler ehemaliger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und das Netz der persönlichen Beziehungen in Mittel- und Südeuropa hilft einem Bischof im Ruhestand die wachsende Schwäche des Alters zu ertragen und eine Haltung zu bewahren, welche der Würde des Amtes entspricht.

Als aktiver Bischof musste ich wach, entschlossen und stark sein. Die Würde des Alters erlaubt es mir, wach für das Naheliegende zu sein, langsamer zu reagieren und zu meiner körperlichen Schwäche zu stehen.

 

Zum Schluss weise ich hin auf das Büchlein Freude am Evangelium“ — Vier Bischofsbotschaften an die Evangelisch-methodistische Kirche von Mittel- und Südeuropa,112 Seiten, erschienen 2014 im Verlag Books on Demand, ISBN 9783732296958

 

Heinrich Bolleter, Bischof im Ruhestand

Am 1. Januar 1993, vor 25 Jahren, wurde die Tschechoslowakei aufgelöst

Am 1. Januar 1993:

Die politische Teilung der Tschechoslowakei vor 25 Jahren

und der Weg der Evangelisch-methodistischen Kirche.

 

Die politische Teilung

Am 1. Januar 1993, also vor 25 Jahren, wurde die Tschechoslowakei aufgelöst.

Die Tschechoslowakei war 1918 aus dem Zerfall der Donaumonarchie gegründet worden. Es war und blieb ein künstliches Gebilde, denn die Tschechen und die Slowaken hatten zuvor in unterschiedlichen Staaten gelebt. Während die Tschechen schon im 19. Jahrhundert ein Bürgertum mit einem ethnisch-nationalen Bewusstsein gebildet hatten, blieben die agrarisch geprägten Slowaken geprägt von der ungarischen Vorherrschaft in der Donaumonarchie. In der neuen Tschechoslowakei fühlten sie sich nun von den Tschechen bevormundet und benachteiligt. Man blieb in der Opferrolle. 1968 hat die Tschechoslowakei eine Föderation mit zwei Parlamenten in Prag und Bratislava geschaffen, aber in der Realität blieb alle Macht beim Zentralkomitee der kommunistischen Partei in Prag.

Mit der politischen Wende von 1989 schien der Zeitpunkt gekommen, dass die Slowaken mehr Autonomie einforderten. Die Parlamentswahlen von 1992 in Bratislava und Prag verstärkten die regionalen Unterschiede. Vaclav Klaus in Prag strebte eine an Europa orientierte Reform mit einer wirtschaftsliberalen Ausrichtung an, während Vladimir Meciar in Bratislava eine nationalistische Linie verfolgte. Im August 1992 verkündete Meciar einen Ausstieg aus der Föderation der Tschechoslowakei auf den 1. Januar 1993!

Bald wurde deutlich, dass Prag gerne den armen agrarisch geprägten Föderationspartner fahren liess. Dabei wurden auch Schritte unternommen, welche Prag weitere Vorteile bringen sollten. Es wurde verlangt, dass das slowakische Eigentum, welches in der Konföderation in Prag registriert war nach Bratislava übertragen wurde, weil es ansonsten von Prag konfisziert werden könnte. Die Verhandlungen im Blick auf die Beendigung der Föderationszahlungen aus Prag waren nicht zum Vorteil der Slowakei ausgefallen. So verlor die Slowakei wichtige Transfers aus Prag. Die grosse Ethnie der Roma wurde in den Tschechischen Medien aufgefordert sich in Prag registrieren zu lassen. Auch das sollte bis zum 1. Januar 1993 erfolgen. Wer sich nicht registrieren liess wurde in die zukünftige Slowakei abgeschoben. So sicherte man sich in Prag einen guten Start in die neue Zeit.

Die Slowakei hatte einen bedenklich schlechten Start in die Zukunft des neuen Europa. Die schwache Industrie war früher durch die Sowjetunion aufgebaut worden und darum nicht mehr konkurrenzfähig. Sie geriet wirtschaftlich ins Abseits. Die Arbeitslosigkeit zeigte neue Spitzenwerte. 1998 wurde Meciar abgewählt und die Slowakei schaffte es gerade noch auf den Weg in die EU und die Nato. Die damit angestossenen Reformen führten zu Neuinvestitionen im Land. Der Arbeitsmarkt erholte sich und das Sozial- und Gesundheitswesen wurde auf eine neue Grundlage gestellt.

 

Der Weg der Evangelisch-methodistischen Kirche

Vor und nach der Wende von 1989 bildeten die Gemeinden in der Tschechoslowakei eine gemeinsame Jährliche Konferenz (Synode) mit einem Hauptquartier in Prag. Dieses Kirchenparlament war voll und ganz mit internen Problemen beschäftigt. Es ging um eine Auseinandersetzung zwischen einer charismatischen Fraktion und einer traditionalistischen methodistischen Tradition. Die 90er Jahre waren deshalb mit einer Zukunftswerkstatt diesem Thema und dem Thema der neuen Dienstmöglichkeiten nach der politischen Wende von 1989 gewidmet. Die Kirche lebte zudem von staatlichen Zuschüssen, welche in der kommunistischen Zeit vor allem zur staatlichen Kontrolle der Gemeinden und der Pfarrerschaft dienten.

Die im Sommer 1992 angekündigte Teilung der Tschechoslowakei erforderte nun aber ein rasches gemeinsames Handeln. Soll die Kirche entlang der neuen staatlichen Grenzen geteilt werden? Muss eine zweite provisorische Jährliche Konferenz gegründet werden? An einer Weihnachtskonferenz 1992 in Prag wurde entschieden, dass wir eine Jährliche Konferenz bleiben. Als Evangelisch Methodistische Kirche sind wir keine nationale’ Kirche. Unsere Connexio macht vor staatlichen Grenzen keinen Halt.

Jedoch wollten wir in beiden neuen Staaten auch eine staatliche Anerkennung sowie eine deutliche Registrierung unseres Eigentums. Dazu wurden zwei methodistische Distriktskonferenzen gegründet, an welche Rechte und Pflichten der Leitung und Verwaltung delegiert sind.

So gibt es neu eine kirchliche Zentrale in Bratislava und in Prag.

Durch diese dringlichen Beschlüsse der ausserordentlichen Jährlichen Konferenz wurde die Zukunft der Evangelisch-methodistischen Kirche in Tschechien und in der Slowakei gesichert.

Bleibt noch zu sagen, dass die Kirche in der Slowakei viel Eigenverantwortung übernommen hat und dadurch gestärkt wurde. Im Jahr 2007 hatte sie mutig die Durchführung des European Methodist Festival in Bratislava übernommen, was ein voller Erfolg war.

 

Vom Umgang mit dem emanzipatorischen Nationalismus 

In meiner Bischofsbotschaft vom Jahr 1993 hatte ich einen Abschnitt der neuen Identitätsfindung der Staaten und Volksgruppen im ehemaligen Osteuropa gewidmet. Die Teilung der Tschechoslowakei hatte genau mit dieser Problematik zu tun. Die Slowakei konnte sich in ihrer Opferrolle einem emanzipatorischen Nationalismus nicht entziehen. Unter emanzipatorischem Nationalismus verstehen wir die Kräfte nationaler Tradition, Sprache, Kultur und Religion, welche sich als Gegeneffekt zur langjährigen Repression und Nivellierung unter dem kommunistischen Regime angestaut hatten. Wir müssen diesen Staaten oder auch ihren Nationalkirchen helfen, in dieser kritischen Phase klar zu unterscheiden zwischen emanzipatorischem und repressivem Nationalismus. Sie

ssen in diesen Prozessen ihre Rolle neu definieren. Es gilt auf dem

Hintergrund eines christlichen Verständnisses von Freiheit, den Nationalismus nicht nur zu zügeln, sondern die Unterschiede zwischen Nation und Gesellschaft wahrzunehmen, und den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft zu unterstützen, einer Gesellschaft, welche die Rechtsgleichheit aller Bürger betont und die Minderheiten schützt.

Daran arbeiten wir noch in Tschechien und in der Slowakei, sowie in anderen Mittel- und Südeuropäischen Ländern.

 

 

Heinrich Bolleter, Bischof im Ruhestand, am 30. Dezember 2017

 

 (Foto: Stimmenzähler V. Malac und V. Zak an der a.o. JK in Prag 1992)

 

Nachruf für Ingegerd Nausner 1926 - 2017

Zum Heimgang von Ingegerd Nausner

geb. Risberg

19.12.1926 – 6.12.2017

 

Es schickt sich eigentlich nicht, dass ein Nachruf damit begonnen wird, die Verstorbene über ihren Ehemann in Erinnerung zu rufen. In der Festschrift zum 60. Geburtstag von Helmut Nausner (erschienen 1995) war mir aufgefallen, dass die Bischöfe der Evangelisch-methodistischen Kirche von Mittel- und Südeuropa, Dr. Franz W. Schäfer und Heinrich Bolleter und auch Dr. Roland Siegrist (damaliger Konferenzlaienführer der Methodistenkirche in Österreich) in ihrer Laudatio jeweils hervorgehoben hatten, welche Rolle Ingegerd Nausner, unter den Mitarbeiterinnen der Kirche gespielt hatte. „Frau Ingegerd Nausner trägt den hingebenden Einsatz ihres Ehegatten mit und bleibt trotzdem immer ein eigener Mensch“. „Ingegerd, von uns allen begrüßt als Topsy, hat nie am ‚Heiligenschein’ ihres Mannes geschliffen, noch rankte sie sich an ihm empor, um auch jemand zu sein, jedoch, wenn es nötig wurde, einander beizustehen, gelang es stets, miteinander zu bestehen.“

Seit dem Jahr 1974 war Ingegerd Nausner stets als Gast zusammen mit ihrem Ehemann Helmut (damaliger Superintendent der Methodistenkirche in Österreich) an den Tagungen der Exekutiver der Zentralkonferenz von Mittel und Südeuropa zugegen. Alle liebten sie. Ihre Wurzel in Schweden gaben ihr auch einen besonderen Touch, der für ihre Offenheit zu anderen Kulturen, Ländern und Sprachräumen stand. Ihre Großherzigkeit war wohltuend gerade im multikulturellen Umfeld der Zentralkonferenz.

Ihre Familie schreibt: „Im Jahr 1959 zog sie von Schweden nach Österreich und hat viele Menschen mit ihrer verbindenden, aufrichtigen und auch humorvollen Art berührt. Oft hat sie als Brückenbauerin und Friedensstifterin gewirkt. Ihren Kindern war sie eine geduldige und liebevolle Mutter und hat das Ergehen von Kindern und Enkelkindern mit liebevoller Aufmerksamkeit mitverfolgt. Gemeinsam mit ihrem Mann führte sie ein offenes Haus, in dem Menschen aus aller Welt willkommen waren.

Vom Jahre 1983 ab vertrat sie mit Hingabe, Herz und Verstand, die World Federation of Methodist Women (NGO) bei der UNO in Wien im Bereich Menschenrechte und Drogenprobleme. Diese ehrenamtliche Tätigkeit hat sie zehn Jahre lang ausgeübt und wurd später weiterhin zu speziellen Konsultationen eingeladen.

Nach ihrem 80. Geburtstag begann eine zunehmende Demenz ihr Leben zu verändern. Ihr inneres Leuchten, genährt von ihrem Glauben an Gott, blieb bis zuletzt auf ihrem Gesicht erkennbar. Sie hat deutliche Spuren des Segens hinterlassen.“

Am 6.Dezember 2017, zehn Tage vor ihrem 91. Geburtstag, wurde sie von Gott nach langer Krankheit aus diesem Leben abberufen.

Helmut Nausner sagt: „Mein vergangenes Jahr war wie die vorigen stark dadurch bestimmt, daß ich mich um meine Frau gekümmert habe. Sie ist nun am 6. Dezember friedlich eingeschlafen. Nach einer Zeit von elf Jahren hat nun ihr Leben ein Ende gefunden. Ich bin traurig, aber vor allem dankbar für 58 Jahre gemeinsamen Lebens. Ich muß nun lernen, meine Zeit neu einzuteilen.“

Wir denken gerne an die Weggemeinschaft mit Ingegerd Nausner zurück. Sie war für uns und für die ganze Kirche ein Segen.

 

Foto: Ingegerd und Helmut Nausner, Graz 2011

Nachruf zusammengestellt von Heinrich Bolleter, Bischof im Ruhestand

 

Fromme Gedanken in der Küche

Meine Theologie, mein Verständnis von Gottes Wesen, Reden und Handeln — Sie bilden den Kern meines Glaubens.

Die Frömmigkeit — das sind die Schalen, welche sich um diesen Kern gebildet haben.

Es ist wie bei einer Zwiebel. Der Wachstumskeim im Herzen der Zwiebel ist zart. Er wird geschützt durch die Zwiebelhüllen.

 

Ich stelle fest, dass ich sehr wenig weiss und wenig erfahre über die „Theologie“ meiner Mitmenschen. Da halten wir uns sehr bedeckt. Vielleicht auch, weil wir den Kern der Sache selber zu wenig ergründet haben.

Die Äusserungen der Frömmigkeit meiner Mitmenschen jedoch kann ich sehr wohl wahrnehmen und darüber nachdenken. Ich frage mich oft, was die Dichte und Grösse der „Zwiebelschalen“ bestimmt — was unsere Frömmigkeit und unsere Überzeugungen prägt. Es ist nicht so sehr der Kern. Es ist vielmehr die Umgebung, unsere Sozialisation, aber auch unsere Hege und Pflege der Frömmigkeit, die wir suchen.

 

In unseren Auseinandersetzungen über den Glauben geht es im Alltag weniger um den Keim, die Mitte, sondern um die Schichten, welche sich darum herum gebildet haben.

Schon Augustinus Aurelius versuchte zu unterscheiden zwischen Kern und Schale. „Im Wesentlichen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem Liebe“. John Wesley hatte diesen Ansatz in seinem Nachdenken über die Frömmigkeit aufgegriffen. Es sollte helfen, dass verschiedene Frömmigkeitstypen in der Gemeinschaft zusammenleben und zusammenbleiben können.

 

Meine Frömmigkeit und die Frömmigkeit meiner Mitmenschen darf ich hinterfragen, das zerstört die Einheit nicht! Ich wundere mich jedoch über die Vielfalt, welche mir da begegnet. Mit Bildern gesagt: Perlzwiebeln, Silberzwiebeln, Hauszwiebeln, Allium und Lauch ... Die einen exotisch-individualistisch, andere konservativ-risikoscheu, oder praktisch und leidenschaftslos, aber auch scharf-abgrenzend und rezeptkonform. Es gibt in der Natur die  Verdrängung der Schwächeren durch die Stärkeren. es gibt in der Küche den Streit um den Geschmack. Lieber betrete ich den Garten Gottes — oder unsere Küche — wo die Verschiedenheit mit Liebe gepflegt wird?

 

Hoppla... jetzt muss ich meiner Leidenschaft im Ruhestand nachgeben und den Platz vom Arbeitszimmer in die Küche wechseln. Es gibt eine Sauerkraut-Pastete.

 

Heinrich Bolleter                                                                  Mariä Himmelfahrt 2017

 

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Eine Reminiszenz an Pierre Théophile Spoerri

25. Januar 1926 bis 22. Februar 2017

 

Am vergangenen Mittwoch ist Pierre Spoerri im Alter von 91 Jahren heimgegangen.

Pierre Spoerri studierte an den Universitäten  in Genf und Zürich. Viele Jahre hatte er zusammen mit seiner Frau, Fulvia, für die internationalen Konferenzen in Caux gearbeitet ('Moralische Aufrüstung'; heute 'Initiatives of Change') "Kann eine Generation von den Erfahrungen einer anderen lernen?" Pierre Spoerri, der eng mit seinem Vater zusammengearbeitet hatte, stellte sich immer wieder diese Frage. In diesem Zusammenhang hatte ihn auch das Thema "Vergebung" beschäftigt. Ich erinnere mich noch an den Tag, da er mir sein damals neues Büchlein "Dynamik der Vergebung" ins Bischofsbüro nach Zürich sandte.

Für viele ältere Methodisten in der Schweiz ist der Name Spörri nicht unbekannt.

Der Vater von Pierre Spoerri hiess Theophil Spörri (10.6.1890 La Chaux-de-Fonds – 24.12.1974 Caux). Er war Sohn eines Methodistenpredigers Jakob Gottlieb Spörri und zeigte ein starkes religiöses, soziales und politisches Engagement. Er gehörte der Moralischen Aufrüstung an und war Romanist an der Universität in Zürich.

Nicht zu verwechseln mit Lic. theol. Theophil Spörri, welcher 1922 bis 1944  als Dozent für Neues Testament am Predigerseminar in Frankfurt am Main wirkte. 1930 verfasste er den für viele bedeutenden "Leitfaden für den Katechismus-Unterricht". Seine Glaubenslehre "Der Mensch und die frohe Botschaft" (1939 bis 1956) blieb leider unvollendet. Er war ein Cousin des Romanisten Theophil Spörri.

Mit dieser 'Spörri-Geschichte' sind viele große Persönlichkeiten des geistigen Lebens der Schweiz und Europas verbunden: Emil Brunner und Karl Barth, Max Picard, Denis de Rougemont, C.F. Ramuz, sowie Friedrich T. Wahlen und Arnold Muggli.

(Notiz verfasst durch Heinrich Bolleter, Bischof i.R.)

 

(Photo: Andrew Stallybrass)

Über Amt und Würde

So habt nun Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist eingesetzt hat zu Bischöfen, zu weiden die Gemeinde Gottes.

(Paulus beim Abschied in Ephesus, Apostelgeschichte 20, 28)

Ihr scheint als Lichter in der Welt, dadurch dass ihr festhaltet am Wort des Lebens. 

 (Philipper 2,15-16) 

 

 Zum Verständnis des Bischofsamtes in der United Methodist Church ist ein klarer Rahmen durch die weltweit gültige Kirchenordnung gegeben. Ich will hier nicht dieses Amt im Grundansatz diskutieren. Aber als Bischof im Ruhestand will ich im Rückblick einzelne persönliche Erfahrungen zum Thema mit meinen Blogleserinnen und -lesern teilen.

 

Bei meiner Wahl zum Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche von Mittel- und Südeuropa im Jahr 1989 war ich 48 Jahre alt. Für die Kirchen in Südosteuropa war das eindeutig „zu jung“! „Ein Bischof ist doch ein würdiger Alter mit weissen Haaren“, lautete da und dort der Kommentar hinter vorgehaltener Hand. Die Enttäuschung war offensichtlich. Im orthodoxen Umfeld hätte vielleicht ein Vollbart dem äusseren Erscheinungsbild eine würdevollere Note geben können.

Als die polnischen Kirchenvertreter entdeckten, dass ich im eigenen Kleinwagen zu kirchlichen Terminen anreise, mahnten sie, dass in der polnischen Kultur ein Bischof eine Limousine mit Chauffeur brauche. So liess ich mich eben von den polnischen Superintendenten zur Sitzung des ökumenischen Rates in Warschau bringen.

 

In Westeuropa hingegen — mit einigen Abstrichen auch in Österreich — war die Kritik an Institutionen und Ämtern schon so weit fortgeschritten, dass die Pastoren mich fragten, ob sie mich in Zukunft wirklich mit „Herr Bischof“ ansprechen müssten. Manchmal war es geradezu peinlich, wenn ich beim Besuch einer Kirchgemeinde nur mit meinem Vornamen begrüsst wurde. Die Methodisten in Frankreich kreierten ihre eigene Begrüssungsformel: Le Pasteur Henri Bolleter, notre évêque. Der Bischofstitel war in Frankreich im freikirchlichen Milieu eher ungewohnt.

 

Kurz nachdem ich mich im Bischofssekretariat in Zürich installiert hatte, besuchte mich der Gemeindepräsident einer grösseren politischen Gemeinde im Kanton Aargau. Er verstand etwas von der Würde und der Bürde eines Amtes. Er empfahl mir, es nie an Sorgfaltspflicht und Gewissenhaftigkeit fehlen zu lassen, und erklärte, was ein solches Amt erfordere. Er hatte bemängelt, dass ich als Redaktor des kirchlichen Wochenblattes etwa auch ungeschützt meine persönliche Meinung kundgetan hätte.

 

Nun war es ja evident, dass sich im Laufe der Zeit auch die kirchliche Leitungskultur veränderte. Mein Vorgänger hatte nach bewährten Vorbildern den Empfang von Gästen und Bittstellern im Bischofssekretariat so geregelt, dass man sich anmelden musste und von der Sekretärin des Bischofs empfangen wurde. Das Besprechungszimmer war mit extra gepolsterten Türen ausgestattet, um die Intimität der Aussprache mit dem Bischof zu gewährleisten. Ich hatte eine ganz andere Vorstellung von Amt und Würde. Ich suchte die Nähe zur Basis der Kirche und wollte einen partizipativen Leitungsstil pflegen. Der Zugang zum Bischof sollte darum möglichst niederschwellig und das Sekretariat für alle offen sein. So organisierten wir im Sekretariat Ausstellungen von Künstlerinnen und Künstlern und waren stolz auf die offene Türe.

 

Diese Offenheit hatte jedoch auch ihren Preis. Randständige hatten die offene Türe zum Bischof entdeckt. Wenn ich nicht unterwegs auf Reisen im grossen Aufsichtsgebiet von Mittel- und Südeuropa war, nahm ich mir öfter Zeit, um ihre Anliegen zu hören. Nicht immer konnte ich ihnen helfen oder ihren Wünschen entsprechen. Ein Ungeduldiger, der vom Bischof eine finanzielle Unterstützung forderte, verlor die Nerven und duschte meinen Schreibtisch und weiteres Mobiliar im Büro mit einer geschüttelten und überschäumenden Cola-Flasche.

 

Nach telefonischer Anmeldung besuchte mich eine Unternehmerin. Sie war als Kind mit ihrer Familie aus Armenien geflüchtet und hatte damals in einer EMK-Gemeinde am Schwarzen Meer lebenswichtige Hilfe bekommen. Zum Dank wollte sie nun, da es ihr jetzt gut ging, ein Zeichen des Dankes geben zur Ehre Gottes. Nach der politischen Wende in den 1990er Jahren waren die Gemeinden in Bulgarien auf Hilfe angewiesen. Hilfe war also willkommen. In mehreren Gesprächen versuchte ich der Frau verschiedene Hilfsprojekte schmackhaft zu machen. Sie jedoch hatte eine Vision, wie sie ihren Dank sichtbar umsetzen könnte. Sie wollte eine grosse Orgel spenden, auf welcher in gotischen Lettern stehen sollte: „Soli Deo Gloria“. Kein bischöfliches Wort konnte sie überzeugen, dass die akute Notlage andere Pläne erfordere. Sie hatte sich durchgesetzt und das Projekt einem Orgelbauer übergeben. Persönlich begleitete sie das Projekt und war dazu mehrfach nach Bulgarien gereist. Schliesslich durfte sie die Erfüllung ihrer Vision „Soli Deo Gloria“ erleben.

 

Andere Begegnungen in meinem Sekretariat trugen nachhaltige Früchte. Ein Treffen zwischen dem Superintendenten aus Prag und dem Leiter für Weltevangelisation des Weltrates Methodistischer Kirchen führte zur Entwicklung des Partnerschaftsprojektes „Connecting Churches“. Gemeinden in den USA halfen in den ehemals kommunistischen Ländern nach der politischen Wende den Neustart von Gemeinden zu unterstützen. Daraus sind bleibende Partnerschaften entstanden. Diese Initiative wurde auch zur Herausforderung für den General Board of Global Ministries, welcher darauf das Programm „in mission together“ initiierte.

 

Das Geheimnis des Bischofsamtes ist es, die Freude am Evangelium zu teilen, Gott zu dienen und den Menschen nahe zu sein. Mein Ziel war es, in einer Zeit des Umbruchs die Mission vor Ort durch meine Vermittlertätigkeit zu stärken und die Verantwortungsträger zu ermutigen. Dieser missionarische Ansatz öffnete viele Türen und stärkte die Zusammenarbeit über alle Grenzen hinweg. So entstand das regelmässige Treffen der Superintendenten als Kernteam sowie die Beauftragung einer Koordinatorin für den Frauendienst in Mittel- und Südeuropa. Auch die Idee, einen Fonds Mission in Europe zu begründen, wurde in Zürich im Gespräch mit dem damaligen Sekretär der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa entwickelt.

Je inflationärer der Gebrauch der Begriffe von Institution, Amt und Würde in der modernen Gesellschaft geworden ist, desto mehr zählen die individuellen menschlichen Fähigkeiten. Die Fähigkeit ist gefragt, eine vom christlichen Glauben geprägte Gemeinschaft zu repräsentieren, und das in einer Zeit, da die Glaubwürdigkeit und die Fragilität der Institution Kirche gnadenlos hinterfragt wird.

 

Noch immer trage ich gemäss unserem Kirchenrecht den Titel und die Würde eines Bischofs. Im Ruhestand habe ich jedoch Abstand genommen von jeglichem Versuch, auf die laufenden Prozesse in der Kirche oder gar auf die personellen Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Es galt einer nachkommenden Generation ihren Platz zu geben. Das war und ist nicht immer einfach. Das Joch des Amtes ist leichter geworden. Die Dankbarkeit vieler ehemaliger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und das Netz der persönlichen Beziehungen in Mittel- und Südeuropa hilft einem Bischof im Ruhestand die wachsende Schwäche des Alters zu ertragen und eine Haltung zu bewahren, welche der Würde des Amtes entspricht.

Als aktiver Bischof musste ich wach, entschlossen und stark sein. Die Würde des Alters erlaubt es mir, wach für das Naheliegende zu sein, langsamer zu reagieren und zu meiner körperlichen Schwäche zu stehen.

 

Zum Schluss weise ich hin auf das Büchlein Freude am Evangelium“ — Vier Bischofsbotschaften an die Evangelisch-methodistische Kirche von Mittel- und Südeuropa,112 Seiten, erschienen 2014 im Verlag Books on Demand, ISBN 9783732296958

 

Heinrich Bolleter, Bischof im Ruhestand

Am 1. Januar 1993, vor 25 Jahren, wurde die Tschechoslowakei aufgelöst

Am 1. Januar 1993:

Die politische Teilung der Tschechoslowakei vor 25 Jahren

und der Weg der Evangelisch-methodistischen Kirche.

 

Die politische Teilung

Am 1. Januar 1993, also vor 25 Jahren, wurde die Tschechoslowakei aufgelöst.

Die Tschechoslowakei war 1918 aus dem Zerfall der Donaumonarchie gegründet worden. Es war und blieb ein künstliches Gebilde, denn die Tschechen und die Slowaken hatten zuvor in unterschiedlichen Staaten gelebt. Während die Tschechen schon im 19. Jahrhundert ein Bürgertum mit einem ethnisch-nationalen Bewusstsein gebildet hatten, blieben die agrarisch geprägten Slowaken geprägt von der ungarischen Vorherrschaft in der Donaumonarchie. In der neuen Tschechoslowakei fühlten sie sich nun von den Tschechen bevormundet und benachteiligt. Man blieb in der Opferrolle. 1968 hat die Tschechoslowakei eine Föderation mit zwei Parlamenten in Prag und Bratislava geschaffen, aber in der Realität blieb alle Macht beim Zentralkomitee der kommunistischen Partei in Prag.

Mit der politischen Wende von 1989 schien der Zeitpunkt gekommen, dass die Slowaken mehr Autonomie einforderten. Die Parlamentswahlen von 1992 in Bratislava und Prag verstärkten die regionalen Unterschiede. Vaclav Klaus in Prag strebte eine an Europa orientierte Reform mit einer wirtschaftsliberalen Ausrichtung an, während Vladimir Meciar in Bratislava eine nationalistische Linie verfolgte. Im August 1992 verkündete Meciar einen Ausstieg aus der Föderation der Tschechoslowakei auf den 1. Januar 1993!

Bald wurde deutlich, dass Prag gerne den armen agrarisch geprägten Föderationspartner fahren liess. Dabei wurden auch Schritte unternommen, welche Prag weitere Vorteile bringen sollten. Es wurde verlangt, dass das slowakische Eigentum, welches in der Konföderation in Prag registriert war nach Bratislava übertragen wurde, weil es ansonsten von Prag konfisziert werden könnte. Die Verhandlungen im Blick auf die Beendigung der Föderationszahlungen aus Prag waren nicht zum Vorteil der Slowakei ausgefallen. So verlor die Slowakei wichtige Transfers aus Prag. Die grosse Ethnie der Roma wurde in den Tschechischen Medien aufgefordert sich in Prag registrieren zu lassen. Auch das sollte bis zum 1. Januar 1993 erfolgen. Wer sich nicht registrieren liess wurde in die zukünftige Slowakei abgeschoben. So sicherte man sich in Prag einen guten Start in die neue Zeit.

Die Slowakei hatte einen bedenklich schlechten Start in die Zukunft des neuen Europa. Die schwache Industrie war früher durch die Sowjetunion aufgebaut worden und darum nicht mehr konkurrenzfähig. Sie geriet wirtschaftlich ins Abseits. Die Arbeitslosigkeit zeigte neue Spitzenwerte. 1998 wurde Meciar abgewählt und die Slowakei schaffte es gerade noch auf den Weg in die EU und die Nato. Die damit angestossenen Reformen führten zu Neuinvestitionen im Land. Der Arbeitsmarkt erholte sich und das Sozial- und Gesundheitswesen wurde auf eine neue Grundlage gestellt.

 

Der Weg der Evangelisch-methodistischen Kirche

Vor und nach der Wende von 1989 bildeten die Gemeinden in der Tschechoslowakei eine gemeinsame Jährliche Konferenz (Synode) mit einem Hauptquartier in Prag. Dieses Kirchenparlament war voll und ganz mit internen Problemen beschäftigt. Es ging um eine Auseinandersetzung zwischen einer charismatischen Fraktion und einer traditionalistischen methodistischen Tradition. Die 90er Jahre waren deshalb mit einer Zukunftswerkstatt diesem Thema und dem Thema der neuen Dienstmöglichkeiten nach der politischen Wende von 1989 gewidmet. Die Kirche lebte zudem von staatlichen Zuschüssen, welche in der kommunistischen Zeit vor allem zur staatlichen Kontrolle der Gemeinden und der Pfarrerschaft dienten.

Die im Sommer 1992 angekündigte Teilung der Tschechoslowakei erforderte nun aber ein rasches gemeinsames Handeln. Soll die Kirche entlang der neuen staatlichen Grenzen geteilt werden? Muss eine zweite provisorische Jährliche Konferenz gegründet werden? An einer Weihnachtskonferenz 1992 in Prag wurde entschieden, dass wir eine Jährliche Konferenz bleiben. Als Evangelisch Methodistische Kirche sind wir keine nationale’ Kirche. Unsere Connexio macht vor staatlichen Grenzen keinen Halt.

Jedoch wollten wir in beiden neuen Staaten auch eine staatliche Anerkennung sowie eine deutliche Registrierung unseres Eigentums. Dazu wurden zwei methodistische Distriktskonferenzen gegründet, an welche Rechte und Pflichten der Leitung und Verwaltung delegiert sind.

So gibt es neu eine kirchliche Zentrale in Bratislava und in Prag.

Durch diese dringlichen Beschlüsse der ausserordentlichen Jährlichen Konferenz wurde die Zukunft der Evangelisch-methodistischen Kirche in Tschechien und in der Slowakei gesichert.

Bleibt noch zu sagen, dass die Kirche in der Slowakei viel Eigenverantwortung übernommen hat und dadurch gestärkt wurde. Im Jahr 2007 hatte sie mutig die Durchführung des European Methodist Festival in Bratislava übernommen, was ein voller Erfolg war.

 

Vom Umgang mit dem emanzipatorischen Nationalismus 

In meiner Bischofsbotschaft vom Jahr 1993 hatte ich einen Abschnitt der neuen Identitätsfindung der Staaten und Volksgruppen im ehemaligen Osteuropa gewidmet. Die Teilung der Tschechoslowakei hatte genau mit dieser Problematik zu tun. Die Slowakei konnte sich in ihrer Opferrolle einem emanzipatorischen Nationalismus nicht entziehen. Unter emanzipatorischem Nationalismus verstehen wir die Kräfte nationaler Tradition, Sprache, Kultur und Religion, welche sich als Gegeneffekt zur langjährigen Repression und Nivellierung unter dem kommunistischen Regime angestaut hatten. Wir müssen diesen Staaten oder auch ihren Nationalkirchen helfen, in dieser kritischen Phase klar zu unterscheiden zwischen emanzipatorischem und repressivem Nationalismus. Sie

ssen in diesen Prozessen ihre Rolle neu definieren. Es gilt auf dem

Hintergrund eines christlichen Verständnisses von Freiheit, den Nationalismus nicht nur zu zügeln, sondern die Unterschiede zwischen Nation und Gesellschaft wahrzunehmen, und den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft zu unterstützen, einer Gesellschaft, welche die Rechtsgleichheit aller Bürger betont und die Minderheiten schützt.

Daran arbeiten wir noch in Tschechien und in der Slowakei, sowie in anderen Mittel- und Südeuropäischen Ländern.

 

 

Heinrich Bolleter, Bischof im Ruhestand, am 30. Dezember 2017

 

 (Foto: Stimmenzähler V. Malac und V. Zak an der a.o. JK in Prag 1992)

 

Nachruf für Ingegerd Nausner 1926 - 2017

Zum Heimgang von Ingegerd Nausner

geb. Risberg

19.12.1926 – 6.12.2017

 

Es schickt sich eigentlich nicht, dass ein Nachruf damit begonnen wird, die Verstorbene über ihren Ehemann in Erinnerung zu rufen. In der Festschrift zum 60. Geburtstag von Helmut Nausner (erschienen 1995) war mir aufgefallen, dass die Bischöfe der Evangelisch-methodistischen Kirche von Mittel- und Südeuropa, Dr. Franz W. Schäfer und Heinrich Bolleter und auch Dr. Roland Siegrist (damaliger Konferenzlaienführer der Methodistenkirche in Österreich) in ihrer Laudatio jeweils hervorgehoben hatten, welche Rolle Ingegerd Nausner, unter den Mitarbeiterinnen der Kirche gespielt hatte. „Frau Ingegerd Nausner trägt den hingebenden Einsatz ihres Ehegatten mit und bleibt trotzdem immer ein eigener Mensch“. „Ingegerd, von uns allen begrüßt als Topsy, hat nie am ‚Heiligenschein’ ihres Mannes geschliffen, noch rankte sie sich an ihm empor, um auch jemand zu sein, jedoch, wenn es nötig wurde, einander beizustehen, gelang es stets, miteinander zu bestehen.“

Seit dem Jahr 1974 war Ingegerd Nausner stets als Gast zusammen mit ihrem Ehemann Helmut (damaliger Superintendent der Methodistenkirche in Österreich) an den Tagungen der Exekutiver der Zentralkonferenz von Mittel und Südeuropa zugegen. Alle liebten sie. Ihre Wurzel in Schweden gaben ihr auch einen besonderen Touch, der für ihre Offenheit zu anderen Kulturen, Ländern und Sprachräumen stand. Ihre Großherzigkeit war wohltuend gerade im multikulturellen Umfeld der Zentralkonferenz.

Ihre Familie schreibt: „Im Jahr 1959 zog sie von Schweden nach Österreich und hat viele Menschen mit ihrer verbindenden, aufrichtigen und auch humorvollen Art berührt. Oft hat sie als Brückenbauerin und Friedensstifterin gewirkt. Ihren Kindern war sie eine geduldige und liebevolle Mutter und hat das Ergehen von Kindern und Enkelkindern mit liebevoller Aufmerksamkeit mitverfolgt. Gemeinsam mit ihrem Mann führte sie ein offenes Haus, in dem Menschen aus aller Welt willkommen waren.

Vom Jahre 1983 ab vertrat sie mit Hingabe, Herz und Verstand, die World Federation of Methodist Women (NGO) bei der UNO in Wien im Bereich Menschenrechte und Drogenprobleme. Diese ehrenamtliche Tätigkeit hat sie zehn Jahre lang ausgeübt und wurd später weiterhin zu speziellen Konsultationen eingeladen.

Nach ihrem 80. Geburtstag begann eine zunehmende Demenz ihr Leben zu verändern. Ihr inneres Leuchten, genährt von ihrem Glauben an Gott, blieb bis zuletzt auf ihrem Gesicht erkennbar. Sie hat deutliche Spuren des Segens hinterlassen.“

Am 6.Dezember 2017, zehn Tage vor ihrem 91. Geburtstag, wurde sie von Gott nach langer Krankheit aus diesem Leben abberufen.

Helmut Nausner sagt: „Mein vergangenes Jahr war wie die vorigen stark dadurch bestimmt, daß ich mich um meine Frau gekümmert habe. Sie ist nun am 6. Dezember friedlich eingeschlafen. Nach einer Zeit von elf Jahren hat nun ihr Leben ein Ende gefunden. Ich bin traurig, aber vor allem dankbar für 58 Jahre gemeinsamen Lebens. Ich muß nun lernen, meine Zeit neu einzuteilen.“

Wir denken gerne an die Weggemeinschaft mit Ingegerd Nausner zurück. Sie war für uns und für die ganze Kirche ein Segen.

 

Foto: Ingegerd und Helmut Nausner, Graz 2011

Nachruf zusammengestellt von Heinrich Bolleter, Bischof im Ruhestand

 

Fromme Gedanken in der Küche

Meine Theologie, mein Verständnis von Gottes Wesen, Reden und Handeln — Sie bilden den Kern meines Glaubens.

Die Frömmigkeit — das sind die Schalen, welche sich um diesen Kern gebildet haben.

Es ist wie bei einer Zwiebel. Der Wachstumskeim im Herzen der Zwiebel ist zart. Er wird geschützt durch die Zwiebelhüllen.

 

Ich stelle fest, dass ich sehr wenig weiss und wenig erfahre über die „Theologie“ meiner Mitmenschen. Da halten wir uns sehr bedeckt. Vielleicht auch, weil wir den Kern der Sache selber zu wenig ergründet haben.

Die Äusserungen der Frömmigkeit meiner Mitmenschen jedoch kann ich sehr wohl wahrnehmen und darüber nachdenken. Ich frage mich oft, was die Dichte und Grösse der „Zwiebelschalen“ bestimmt — was unsere Frömmigkeit und unsere Überzeugungen prägt. Es ist nicht so sehr der Kern. Es ist vielmehr die Umgebung, unsere Sozialisation, aber auch unsere Hege und Pflege der Frömmigkeit, die wir suchen.

 

In unseren Auseinandersetzungen über den Glauben geht es im Alltag weniger um den Keim, die Mitte, sondern um die Schichten, welche sich darum herum gebildet haben.

Schon Augustinus Aurelius versuchte zu unterscheiden zwischen Kern und Schale. „Im Wesentlichen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem Liebe“. John Wesley hatte diesen Ansatz in seinem Nachdenken über die Frömmigkeit aufgegriffen. Es sollte helfen, dass verschiedene Frömmigkeitstypen in der Gemeinschaft zusammenleben und zusammenbleiben können.

 

Meine Frömmigkeit und die Frömmigkeit meiner Mitmenschen darf ich hinterfragen, das zerstört die Einheit nicht! Ich wundere mich jedoch über die Vielfalt, welche mir da begegnet. Mit Bildern gesagt: Perlzwiebeln, Silberzwiebeln, Hauszwiebeln, Allium und Lauch ... Die einen exotisch-individualistisch, andere konservativ-risikoscheu, oder praktisch und leidenschaftslos, aber auch scharf-abgrenzend und rezeptkonform. Es gibt in der Natur die  Verdrängung der Schwächeren durch die Stärkeren. es gibt in der Küche den Streit um den Geschmack. Lieber betrete ich den Garten Gottes — oder unsere Küche — wo die Verschiedenheit mit Liebe gepflegt wird?

 

Hoppla... jetzt muss ich meiner Leidenschaft im Ruhestand nachgeben und den Platz vom Arbeitszimmer in die Küche wechseln. Es gibt eine Sauerkraut-Pastete.

 

Heinrich Bolleter                                                                  Mariä Himmelfahrt 2017

 

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Eine Reminiszenz an Pierre Théophile Spoerri

25. Januar 1926 bis 22. Februar 2017

 

Am vergangenen Mittwoch ist Pierre Spoerri im Alter von 91 Jahren heimgegangen.

Pierre Spoerri studierte an den Universitäten  in Genf und Zürich. Viele Jahre hatte er zusammen mit seiner Frau, Fulvia, für die internationalen Konferenzen in Caux gearbeitet ('Moralische Aufrüstung'; heute 'Initiatives of Change') "Kann eine Generation von den Erfahrungen einer anderen lernen?" Pierre Spoerri, der eng mit seinem Vater zusammengearbeitet hatte, stellte sich immer wieder diese Frage. In diesem Zusammenhang hatte ihn auch das Thema "Vergebung" beschäftigt. Ich erinnere mich noch an den Tag, da er mir sein damals neues Büchlein "Dynamik der Vergebung" ins Bischofsbüro nach Zürich sandte.

Für viele ältere Methodisten in der Schweiz ist der Name Spörri nicht unbekannt.

Der Vater von Pierre Spoerri hiess Theophil Spörri (10.6.1890 La Chaux-de-Fonds – 24.12.1974 Caux). Er war Sohn eines Methodistenpredigers Jakob Gottlieb Spörri und zeigte ein starkes religiöses, soziales und politisches Engagement. Er gehörte der Moralischen Aufrüstung an und war Romanist an der Universität in Zürich.

Nicht zu verwechseln mit Lic. theol. Theophil Spörri, welcher 1922 bis 1944  als Dozent für Neues Testament am Predigerseminar in Frankfurt am Main wirkte. 1930 verfasste er den für viele bedeutenden "Leitfaden für den Katechismus-Unterricht". Seine Glaubenslehre "Der Mensch und die frohe Botschaft" (1939 bis 1956) blieb leider unvollendet. Er war ein Cousin des Romanisten Theophil Spörri.

Mit dieser 'Spörri-Geschichte' sind viele große Persönlichkeiten des geistigen Lebens der Schweiz und Europas verbunden: Emil Brunner und Karl Barth, Max Picard, Denis de Rougemont, C.F. Ramuz, sowie Friedrich T. Wahlen und Arnold Muggli.

(Notiz verfasst durch Heinrich Bolleter, Bischof i.R.)

 

(Photo: Andrew Stallybrass)