Fromme Gedanken in der Küche

Meine Theologie, mein Verständnis von Gottes Wesen, Reden und Handeln — Sie bilden den Kern meines Glaubens.

Die Frömmigkeit — das sind die Schalen, welche sich um diesen Kern gebildet haben.

Es ist wie bei einer Zwiebel. Der Wachstumskeim im Herzen der Zwiebel ist zart. Er wird geschützt durch die Zwiebelhüllen.

 

Ich stelle fest, dass ich sehr wenig weiss und wenig erfahre über die „Theologie“ meiner Mitmenschen. Da halten wir uns sehr bedeckt. Vielleicht auch, weil wir den Kern der Sache selber zu wenig ergründet haben.

Die Äusserungen der Frömmigkeit meiner Mitmenschen jedoch kann ich sehr wohl wahrnehmen und darüber nachdenken. Ich frage mich oft, was die Dichte und Grösse der „Zwiebelschalen“ bestimmt — was unsere Frömmigkeit und unsere Überzeugungen prägt. Es ist nicht so sehr der Kern. Es ist vielmehr die Umgebung, unsere Sozialisation, aber auch unsere Hege und Pflege der Frömmigkeit, die wir suchen.

 

In unseren Auseinandersetzungen über den Glauben geht es im Alltag weniger um den Keim, die Mitte, sondern um die Schichten, welche sich darum herum gebildet haben.

Schon Augustinus Aurelius versuchte zu unterscheiden zwischen Kern und Schale. „Im Wesentlichen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem Liebe“. John Wesley hatte diesen Ansatz in seinem Nachdenken über die Frömmigkeit aufgegriffen. Es sollte helfen, dass verschiedene Frömmigkeitstypen in der Gemeinschaft zusammenleben und zusammenbleiben können.

 

Meine Frömmigkeit und die Frömmigkeit meiner Mitmenschen darf ich hinterfragen, das zerstört die Einheit nicht! Ich wundere mich jedoch über die Vielfalt, welche mir da begegnet. Mit Bildern gesagt: Perlzwiebeln, Silberzwiebeln, Hauszwiebeln, Allium und Lauch ... Die einen exotisch-individualistisch, andere konservativ-risikoscheu, oder praktisch und leidenschaftslos, aber auch scharf-abgrenzend und rezeptkonform. Es gibt in der Natur die  Verdrängung der Schwächeren durch die Stärkeren. es gibt in der Küche den Streit um den Geschmack. Lieber betrete ich den Garten Gottes — oder unsere Küche — wo die Verschiedenheit mit Liebe gepflegt wird?

 

Hoppla... jetzt muss ich meiner Leidenschaft im Ruhestand nachgeben und den Platz vom Arbeitszimmer in die Küche wechseln. Es gibt eine Sauerkraut-Pastete.

 

Heinrich Bolleter                                                                  Mariä Himmelfahrt 2017

 

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Eine Reminiszenz an Pierre Théophile Spoerri

25. Januar 1926 bis 22. Februar 2017

 

Am vergangenen Mittwoch ist Pierre Spoerri im Alter von 91 Jahren heimgegangen.

Pierre Spoerri studierte an den Universitäten  in Genf und Zürich. Viele Jahre hatte er zusammen mit seiner Frau, Fulvia, für die internationalen Konferenzen in Caux gearbeitet ('Moralische Aufrüstung'; heute 'Initiatives of Change') "Kann eine Generation von den Erfahrungen einer anderen lernen?" Pierre Spoerri, der eng mit seinem Vater zusammengearbeitet hatte, stellte sich immer wieder diese Frage. In diesem Zusammenhang hatte ihn auch das Thema "Vergebung" beschäftigt. Ich erinnere mich noch an den Tag, da er mir sein damals neues Büchlein "Dynamik der Vergebung" ins Bischofsbüro nach Zürich sandte.

Für viele ältere Methodisten in der Schweiz ist der Name Spörri nicht unbekannt.

Der Vater von Pierre Spoerri hiess Theophil Spörri (10.6.1890 La Chaux-de-Fonds – 24.12.1974 Caux). Er war Sohn eines Methodistenpredigers Jakob Gottlieb Spörri und zeigte ein starkes religiöses, soziales und politisches Engagement. Er gehörte der Moralischen Aufrüstung an und war Romanist an der Universität in Zürich.

Nicht zu verwechseln mit Lic. theol. Theophil Spörri, welcher 1922 bis 1944  als Dozent für Neues Testament am Predigerseminar in Frankfurt am Main wirkte. 1930 verfasste er den für viele bedeutenden "Leitfaden für den Katechismus-Unterricht". Seine Glaubenslehre "Der Mensch und die frohe Botschaft" (1939 bis 1956) blieb leider unvollendet. Er war ein Cousin des Romanisten Theophil Spörri.

Mit dieser 'Spörri-Geschichte' sind viele große Persönlichkeiten des geistigen Lebens der Schweiz und Europas verbunden: Emil Brunner und Karl Barth, Max Picard, Denis de Rougemont, C.F. Ramuz, sowie Friedrich T. Wahlen und Arnold Muggli.

(Notiz verfasst durch Heinrich Bolleter, Bischof i.R.)

 

(Photo: Andrew Stallybrass)

Martin Luther und Klement von Ohrid

Ein Zwischenruf zum Reformationsjubiläum

 

Wir feiern 500 Jahre Reformation und stellen erneut fest, dass dieser Aufbruch maßgeblich von Zentraleuropa ausgegangen ist. Wir erinnern an Calvin, Luther, Zwingli und andere Reformatoren.

Wir heben hervor, dass sie Bibel, Bildung und Sprache ins Zentrum gerückt hatten, und dass dies auch eine kritische Sicht auf Leben und Glauben sowie Kirche und Gesellschaft ermöglicht hatte.

 

In Form eines Zwischenrufes möchte ich auf eine andere "Reformation" hinweisen. Im Jahr 2016 haben wir Anlass, ein Jubiläum von 1100 Jahren zu feiern. Im Jahr 916 starb Klement von Ohrid, ein Heiliger der Bulgarisch-, der Mazedonisch- und der Serbisch-Orthodoxen Kirchen.

Es ist interessant, den heiligen Klement von Ohrid (Свети Климент Охридски) neben Martin Luther zu stellen und damit auf einen sehr frühen reformatorischen Beitrag zur Slawischen und Europäischen Kultur aufmerksam zu machen.

 

Klement von Ohrid (ca. 840 - 916) ist der Mitschöpfer des Cyrillischen Alphabets. Mit Bildung und Bibel hat er viel zur "Aufklärung" der Slawen beigetragen. Er war mit Cyril und Methodius unterwegs und hatte zur Popularisierung der Christlichen Texte (Liturgie und Bibel) beigetragen.

Die Brüder Cyril und Methodius wurden vom Byzantinischen Herrscher, Michael III, als Missionare nach Großmähren (Moravien) gesandt, um die Slawen in jener Gegend zum Christentum zu bekehren. Dazu haben sie, basierend auf dem Dialekt in Saloniki, die Alt-Slawische Schrift entwickelt.

 

Das Alt-Slawische mit der cyrillischen Schrift wurde später durch Boris I von Bulgarien zur offiziellen Sprache erklärt. Dies geschah in der Abwehr gegen die griechische Einflussnahme, welche über die vom Byzantinischen Reich ausgesandten Priester die Eigenständigkeit des Bulgarischen Reiches schwächen wollten.

So begründete Boris die ersten Akademien, in welchen die Altslawische Sprache weiter entwickelt und eine unabhängige theologische Ausbildung gefördert wurde.

Klement von Ohrid begründete das Schulwesen in Ohrid. Innerhalb von nur sieben Jahren hatte er etwa 3500 Studenten ausgebildet. 893 wurde er zum Erzbischof der Bulgarisch Orthodoxen Kirche  geweiht. Nach seinem Tod (916) wurde er in Ohrid im Kloster Panteleimon beerdigt. In der Orthodoxie wird er als Vater der Slawischen Sprache und des Schulwesens gefeiert.

 

Klement von Ohrid hat vielleicht einen ebenso großen Beitrag zur Slawischen und Europäischen Kultur geleistet wie 600 Jahre später Martin Luther mit seiner Bibelübersetzung und Verbreitung in Deutscher Sprache. Er hatte das "goldene Zeitalter" für die Slawische Schrift und Literatur sowie das Schulwesen eröffnet. Schrift und Sprache sind stets eng verknüpft mit dem spirituellen und kulturellen Kontext einer Region. Sie werden zu einem Träger der sozialen Identität.

 

Auf diesem Hintergrund können wir eine Entsprechung in der Gestaltung von Schrift, Sprache, Bildung und Bibel bei Klement von Ohrid und Martin Luther erkennen. Das könnte in der Begehung des Reformationsjubiläums ein Fenster in die Slawische Welt öffnen.

 

Heinrich Bolleter, Bischof im Ruhestand.

  

Свети Климент Охридски — Ikone, 14. Jahrhundert aus Ohrid (Republik Mazedonien). Sie stellt den Heiligen Klement von Ohrid dar.

 

 

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Zeitzeugen II

Wilhelm Nausner (links), Bischof Bolleter (Mitte), Boris Trajkovski ✝
Wilhelm Nausner (links), Bischof Bolleter (Mitte), Boris Trajkovski ✝

Zum 85. Geburtstag von Wilhelm Nausner

 

Mit Dank für seinen hingebungsvollen Dienst als Laienmitarbeiter in der Kirche.

 

 

 

 

 

Wenn ich diese Notiz aus Anlass des runden Geburtstags am 17. März 2016 schreibe, beginnt ein Film über eine sehr intensive und schöne Zeit der Zusammenarbeit zu laufen.

Wilhelm Nausner hat 55 Jahre in der Zentralkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche von Mittel- und Südeuropa mitgearbeitet. Er begann als freiwilliger Mitarbeiter im Alter von 23 Jahren und hat sich bis ins Alter von 78 Jahren als Denker, als Macher und Netzwerker mit Freude und unverwüstlicher Kraft engagiert. Seit 1963 gehörte er der Exekutive der Zentralkonferenz an, von

1973-97  wirkte er als deren Sekretär.

 

Wilhelm Nausner zeigte stets eine grosse Bereitschaft, sich in den Ländern Mittel- und Südeuropas als Berater und Planer einsetzen zu lassen.

Er brachte auch ein hohes Mass an Kompetenz und Erfahrung mit. Dazu gehörten die selber durchlebten Notzeiten als Flüchtling, der langjährige Einsatz im Flüchtlingsdienst der UNO und der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK von 1964 bis 2008).

Seine Verbindungsdienste zu den Methodisten hinter dem eisernen Vorhang waren sehr wichtig. Als Laie waren im geteilten Europa für ihn die Reisemöglichkeiten eher gegeben als für einen Pastor. Der Bischof konnte zum Beispiele über etliche Jahre nicht offiziell nach Ungarn oder auch nach Bulgarien reisen. Da ist Wilhelm Nausner als Botschafter des Bischofs hin- und hergereist. Er bildete eine wichtige Brücke zum alten Osteuropa. Seit 1974 machte er Besuche in Bulgarien, Ungarn, Jugoslawien. Andere Länder besuchte er im Auftrag der KEK. Wilhelm Nausner verstand es, diplomatisch aber konsequent mit allen umzugehen, mit den Freunden und den Feinden.

So ist Wilhelm Nausner tausende von Kilometern auch in Krisen- und Kriegszeiten im Auto gefahren, um die Gemeinden und Konferenzen zu besuchen. Als Sekretär der Zentralkonferenz hatte Wilhelm Nausner sowohl Bischof Schäfer, als auch Bischof Bolleter, zu vielen Jährlichen Konferenzen in Südosteuropa begleitet. Er hat auch sehr nachhaltig geholfen bei der Neuorganisation von Konferenzen und der Neuregistrierung der Kirchen nach der politischen Wende. Mit einem langen Atem unterstützte er die Kirchenleitungen bei der Verwirklichung neuer Sozialprojekte, Kirchenbauten und in der Katastrophenhilfe. Ich habe mich sehr sicher gefühlt im Beifahrersitz, und ich erinnere mich an viele Gespräche. Unter anderem hatte er mich animiert, den Theologen Sören Kierkegaard zu lesen. "Der Liebe Tun" war nicht nur der wichtige Titel eines Werkes von Kierkegaard, sondern zugleich eine persönliche Erklärung Nausners über die Motivation seines Einsatzes. 

 

Wilhelm Nausner hat sich auch als Ökumeniker und als Kenner der Orthodoxen Kirchen in Mittel und Südeuropa bewiesen.

Es ist nicht übertrieben,  hier fest zu halten, dass er als Sekretär der Zentralkonferenz auch für die Computerisierung der Administration im Sprengel voranging.

 

In der Evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich war Wilhelm Nausner seit dem Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv. Als Rektor des oekumenischen Hilfswerkes Servitas (1986 -1994) war er massgeblich am Wiederaufbau und an der Unterstützung auch der Orthodoxen Kirchen im Lande beteiligt. Die Evangelisch methodistische Kirche hatte ihm als Laien wichtige Dienste übertragen: Er war Leiter der Eigentumsverwaltung (1964 – 1994), ausserdem versah er das Amt des Konferenzlaienführers später wirkte er als Schatzmeister der Jährlichen Konferenz. 1958 bis 1996 beteiligte er sich als Mitglied des Kirchenvorstandes an der Gestaltung und Verwaltung der Kirche in Österreich.

Das wachsende Diakoniezentrum Spattstrasse in Linz zählte auf ihn als Kuratoriumsmitglied und später als  dessen Vorsitzender (1988 -2011).

 

Von 1996 – 2008 lebte er seine Berufung zum Superintendenten in Makedonien. In einer ausserordentlichen Situation wurde Wilhelm Nausner als erfahrener Laie in Makedonien eingesetzt. Der Präsident der Republik Makedonien hat Superintendent Wilhelm Nausner am 7. Oktober 2008 für seine Verdienste um das makedonische Volk die höchste Auszeichnung verliehen. Er würdigte dabei seine humanitär-sozialen Initiativen, angefangen von der Hilfe für die Opfer des Skopjer Erdbebens von 1963, Hilfe im Blick auf die dramatischen Begebenheiten im Laufe der 90er Jahre, bis hin zu der sehr gut organisierten Sozialarbeit des »Miss Stone« Zentrums in Strumica. Anerkennende Erwähnung fand gleichzeitig auch sein Beitrag zur Affirmation des jungen, makedonischen demokratischen Staates und zur Festschreibung einer Verfassung für die EMK in Makedonien. An der außergewöhnlichen Begegnung nahm neben einer Delegation der Evangelisch-methodistischen Kirche auch der österreichische Botschafter in Makedonien teil. Dass zudem mehrere der höchsten Vertreter der anderen Kirchen und Glaubensgemeinschaften in Makedonien anwesend waren, so Erzbischof Stefan von der Makedonisch-orthodoxen Kirche, Dr. Kiro Stojanov, Bischof der Katholischen Kirche, und Reis Suleiman Recepi, höchster Vertreter der Islamischen Gemeinschaft, machte deutlich, wie sehr das methodistische Engagement für Frieden und eine Zukunft in Makedonien geschätzt wurde.

Im Gebiet des westlichen Balkans standen 2008 einige Veränderungen bevor. Kroatien und Albanien waren bisher unter der direkten Aufsicht des Bischofs geführt worden. Auf diesen Zeitpunkt sollte unter der Aufsicht eines in der Region ansässigen, erfahrenen Pastors die EMK in Albanien aufgebaut werden.

In Makedonien hatte die Übergabe von Wilhelm Nausner an Wilfried Nausner an der Konferenz im Herbst 2008 stattgefunden.

Mehr als einmal musste Wilhelm Nausner wegen schwerer Erkrankung pausieren. Aber jedes Mal ist er wider vom Krankenlager aufgestanden und hat seinen geschätzten Dienst erneut aufgenommen. Vor rund 10 Jahren sagte er nach einem Eingriff am Herzen an der Konferenz in Strumica: "Ich bin Gott dankbar, dass ich heute unter euch sein darf. Ich fühle mich gesund. Langsam und mit Freude setze ich mein normales Leben wieder fort, versuche die damit verbundenen Pflichten wieder zu erledigen." Das ist Wilhelm Nausner!

 

Seit 2008 lebt Wilhelm Nausner zusammen mit seiner Frau Helene im verdienten Ruhestand in Linz, Österreich. Sein Leben ist ruhiger geworden und wir wünschen ihm, dass er die vielen Reisen Aufgaben und Begegnungen nicht vergisst und Gott dankt für den Weg, den er ihn geführt hat. Auch der Schreibende schaut heute noch gerne auf reichen Erfahrungen zurück. Wilhelm Nausner ist ein Beispiel für die Nachfolge Christi, ein Beispiel des Glaubens, der in der Liebe tätig ist.

Im Namen vieler grüsse ich den Jubilaren zum 85. Geburtstag und wünsche ihm ein frohes Fest im Kreis seiner Lieben.

Im März 2016, Heinrich Bolleter, Bischof i.R.

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Zeitzeugen hinterlassen Spuren

Anmerkung: 

Am 14. Juli 2016 wurde Bischof Franz Schäfer im 96. Altersjahr friedlich im Kreis seiner Familie in die Ewigkeit gerufen. Ein öffentlicher Dankgottesdienst im Gedenken an Bischof Franz Schäfer wird am 8. August 2016 um 14 Uhr im Fraumünster in Zürich stattfinden.

Drei Generationen: Bischof Schäfer (Mitte), Bischof Streiff (links), Bischof Bolleter
Drei Generationen: Bischof Schäfer (Mitte), Bischof Streiff (links), Bischof Bolleter

Zum 95. Geburtstag von Bischof Dr. Franz W. Schäfer

 

Am 10. März 2016 feiert Altbischof Franz Schäfer seinen 95. Geburtstag. Er hat 23 Jahre lang — von 1966 –bis 1989 — als aktiver Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche für Mittel- und Südeuropa gedient und lebt heute im hohen Alter in Zürich-Wollishofen.

In unserer Zeit ist es wenig gefragt, sich mit der Geschichte auseinander zu setzen. Das ist auch in der Evangelisch-methodistischen Kirche nicht anders. Dennoch, wir wollen es nicht versäumen, der Segensspur, welche einzelne Zeitzeugen hinterlassen haben, nachzugehen, um sie nicht zu vergessen.

Es gibt viele Erinnerungen, welche beim Schreiben dieser kurzen Würdigung wieder lebendig werden. Als junger Pfarrer hatte ich im Gespräch mit Bischof Dr. Franz Schäfer gelernt, im Umbruch der Zeiten nicht nur nach der neuen „Tagesordnung der Welt“ zu fragen, sondern zuerst und zuletzt die „Tagesordnung Gottes“ ins Zentrum des Dienstes der Kirche zu stellen. Die Tagesordnung Gottes führt uns zu den wahren Bedürfnissen der Menschen in Kirche und Gesellschaft.

Bischof Schäfer hat seine Zeit als aktiver Bischof einmal so charakterisiert: »In der Zeit zwischen 1966 bis zum Frühjahr 1989, in der ich als Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche die Gemeinden und Konferenzen in zwei westeuropäischen und sechs osteuropäischen Ländern verantwortlich begleitete, waren Ost- und Westeuropa ideologisch klar getrennt. Aber nicht nur das, mein Dienst fiel auch in die Zeit der härtesten Auseinandersetzung des geteilten Kontinents. Es war die Zeit des Kalten Krieges, der sich täglich steigernden atomaren Bedrohung, der ideologischen Verhärtung, die ein wachsendes Misstrauen zwischen Ost und West bewirkte. Wir wussten im Westen, wo der „Teufel“ sitzt, und wie wir uns seiner erwehren mussten. Die östlichen Machthaber aber wussten dies auch — mit vertauschten Rollen natürlich! War es in jener Zeit möglich, in West und Ost für kirchliche Aktivitäten Mitverantwortung zu übernehmen, ohne ideologisch Kompromisse einzugehen und damit die eigene Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen?

Professor Jan Milic Lochmann (aus Prag) schrieb später, dass mein Sprengel ein ökumenisches Unikum sei. Er verlange den Dienst an Kirchen und Gemeinden in West und Ost – Das Ausüben dieses Amtes mache den Mann zum Grenzgänger zwischen zwei recht verschiedenen gesellschaftlichen und weltanschaulichen Systemen. Es sei eine heikle Sache. Sehr schnell könne man zum Beispiel von westlicher Erfahrung und Gewohnheit geprägt, die Lage der Kirche im Osten entweder patronisierend betrachten, sicher wohlwollend, aber kaum solidarisch; oder auch ins Gegenteil verfallen und das Geschick der Menschen im Osten falsch idealisieren, schrieb Lochmann."

 

Bischof Schäfer war also ein Grenzgänger. Er selber sah es so: " Ich versuchte, mich frei zu machen von der Angst vor Strukturen, Systemen und Ideologien. Sie sind Gefässe, als solche wichtig, aber nur solange als sie den Menschen dienen, ihre Aufgaben zu erfüllen. Das ist in der Kirche so, aber auch im Staat und in der Gesellschaft. Es war oft schwer, hinter den verhärteten Schutzmauern der Ideologien dem Menschen zu begegnen. Wo dies aber gelang, wurde jede Begegnung zu einem Erlebnis."

 

Die Vereinigung der Methodistenkirche und der Evangelischen 

Gemeinschaft zur EVANGELISCH-METHODISTISCHEN

KIRCHE erforderte in der Schweiz und in Frankreich zu Beginn der 

Amtszeit von Bischof Schäfer seinen vollen Einsatz, viel Verständnis und Vertrauen zu den für die Vereinigung verantwortlichen kirchlichen Instanzen. Es war eine arbeitsintensive Zeit, die nicht nur das Denken, sondern auch die Emotionen der kirchlichen Mitarbeiter sehr beanspruchte, so dass für sie zu jenem Zeitpunkt viele Fragen, die den Sprengel betrafen, nicht, oder noch nicht an erster Stelle standen.

 

Franz Schäfer hat immer die Menschen gesucht und war selbst bereit, ehrlich, freundlich und voll Respekt und Wertschätzung jedem Menschen zu begegnen, in der Gemeinde, in anderen Kirchen, in der Welt, in der Politik. Das hat über die Zeit Früchte gebracht. Im Jahre 1985 hatte ihm die Comenius Fakultät der Universität Prag den Titel eines Ehrendoktors der Theologie überreicht. Diese Auszeichnung ist eine Anerkennung für einen langjährigen Dienst am Aufbau der Kirche in Ost und West und für die ökumenische Zusammenarbeit der Kirchen in Osteuropa.

 

Der Beitrag von Bischof Schäfer im Bereich der weltweiten Kirchenfamilie der Methodisten (World Methodist Council) und in der Oekumene wurde bisher kaum beschrieben. Er war seinerzeit einer der Präsidenten des Weltrates Methodistischer Kirchen. Im General Board of Global Ministries arbeitete er an den Fragen nach einem neuen Missionsverständnis mit.

In Europa wurde damals auf Initiative Schäfers zur Koordination der Mission die ECOM (European Commission on Mission) gegründet. Diese Kommission präsidierte er während 20 Jahren.

Dankbarkeit ist angesagt, wenn wir an das lange Leben und den Dienst von Bischof Franz Schäfer denken. Wir wünschen ihm weiterhin die Erfahrung von Gottes gnädiger Gegenwart. Und senden unsere Grüsse an den Jubilaren.

Heinrich Bolleter

 

Anmerkung: An der Tagung der Exekutive der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa im März 2006 wurde Professor Helmut Nausner angfragt, aus Anlass des 85. Geburtstags von Bischof Dr. Franz Schäfer, ein Büchlein zu schreiben. Es trug den Titel: "Ein Zeuge unkonventioneller Menschlichkeit — Bischof Dr. Franz W. Schäfer".

 (Erschienen 2006 im Selbstverlag der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa).


March 10, 2016,

Tribute to Bishop Dr. Franz W. Schaefer for his 95-th Birthday.

 

 

From 1966 till 1989 Franz Schafer served as an active bishop for the Central Conference Area of Central and Southern Europe. He now lives in Zürich-Wollishofen, Switzerland.

 

In our time there is little interest, to grapple with the history. This is true in a similar manner also for the United Methodist Church. Nevertheless, we do not want to miss the traces and blessings, which have left our forbearers as faithful servants and witnesses for Jesus Christ. There are many memories that come back to life when writing this brief statement. As a young pastor, I had learned in conversation with Bishop Dr. Franz Schaefer, to judge our times of great changes not only from the new "agendas in the world" but to hold first and last the "agenda of God" in the center of the ministry in the church and in this world. The agenda of God leads us to the true needs of the people in the Church and in the Society.

Bishop Schaefer had characterized his time as an active bishop as follows: "In the period between 1966 to the spring of 1989, where I accompanied congregations and conferences in two Western European and six Eastern European countries, Eastern and Western Europe was ideologically separated. Not only was my service tainted by the time of the hardest struggle of a divided continent, it was the time of the Cold War, of the daily increasing nuclear threats, the ideological hardening, which caused the mistrust between East and West. We knew in the West where the "devil" sits, and how we had to defend ourselves. The Eastern rulers knew this as well - with the roles reversed of course! Was it possible at that time to take in the West and East responsibility for the church activities without ideological compromises, which could call our own credibility in question?

Professor Jan Milic Lochman (Prague) later wrote that my episcopal area was ecumenically unique. It required the service to churches and communities in East and West. This episcopal office made a man a traveler between two quite different social and ideological systems, which was a tricky thing. Very quickly could you (marked by Western experience and habit) consider the situation of the Church in the East either patronizing, certainly sympathetic but barely showing real solidarity; or even fall into the opposite and unrealistically idealize the fate of the people in the East, Lochman wrote."

 

Bishop Schaefer was thus a border crosser. He himself saw it this way: "I tried to free myself from the fear of structures, systems and ideologies, these are vessels, as such important, but only as long as they serve the people. This approach is basic in the Church as well as in the state and in the society. It was often difficult to meet the people closed up behind the hardened protective walls of ideologies. But where it was achieved, every encounter became a deep experience."

 

The union of the Methodist Church and the Evangelical United Brethren Church

into the United Methodist Church required just at the beginning of the tenure of Bishop Schaefer his full commitment in Switzerland and in France. There was a great need of understanding and trust in those who were responsible for the unification of ecclesiastical authorities. It was a busy time, which stressed the church staff not only in their thinking, but also emotionally. The challenge of this union came first at that time, many questions concerning the larger episcopal area, were not, or not yet present among the leaders and the staff.

 

Franz Schaefer has always focused on people and was ready to meet with every person in the United Methodist Church, in other churches, in the world and in politics with honesty, friendship with respect and appreciation. This has brought fruits over time. 1985 the Comenius Faculty of the University of Prague awarded him with the title of a Honorary Doctor of Theology. This was in recognition for many years of service to build up the Church in the East and the West as well as for the ecumenical cooperation with churches in Eastern Europe.

 

The contribution of Bishop Schaefer in the global family of Methodists churches (World Methodist Council) and in the ecumenical movement has not been sufficiently described till now. He was at the time one of the Presidents of the World Methodist Council. In the General Board of Global Ministries, he was involved in the development for a new understanding of mission and also of affiliation of the Methodist Churches Overseas.

In Europe Bishop Schaefer took initiative for the coordination of the mission boards in Scandinavia, Germany, Switzerland and Britain. The ECOM (European Commission on Mission) was founded. This Commission he presided over 20 years.

 

In deep gratitude we think of his long life and ministry. We wish him the experience of God's loving presence. We send our greetings to our brother and predecessor in the episcopacy.

 

Heinrich Bolleter, Bishop retired

 

 

Note: At the meeting of the Executive of the Central Conference of Central and Southern Europe in March 2006, on the occasion of the 85th birthday of Bishop Dr. Franz W. Schaefer, Prof. Helmut Nausner was engaged to collect memories about Schaefer. The booklet was entitled: "A witness of unconventional humanity — Bishop Franz W. Schaefer".

(Published 2006 by the Central Conference of Central and Southern Europe).

Fromme Gedanken in der Küche

Meine Theologie, mein Verständnis von Gottes Wesen, Reden und Handeln — Sie bilden den Kern meines Glaubens.

Die Frömmigkeit — das sind die Schalen, welche sich um diesen Kern gebildet haben.

Es ist wie bei einer Zwiebel. Der Wachstumskeim im Herzen der Zwiebel ist zart. Er wird geschützt durch die Zwiebelhüllen.

 

Ich stelle fest, dass ich sehr wenig weiss und wenig erfahre über die „Theologie“ meiner Mitmenschen. Da halten wir uns sehr bedeckt. Vielleicht auch, weil wir den Kern der Sache selber zu wenig ergründet haben.

Die Äusserungen der Frömmigkeit meiner Mitmenschen jedoch kann ich sehr wohl wahrnehmen und darüber nachdenken. Ich frage mich oft, was die Dichte und Grösse der „Zwiebelschalen“ bestimmt — was unsere Frömmigkeit und unsere Überzeugungen prägt. Es ist nicht so sehr der Kern. Es ist vielmehr die Umgebung, unsere Sozialisation, aber auch unsere Hege und Pflege der Frömmigkeit, die wir suchen.

 

In unseren Auseinandersetzungen über den Glauben geht es im Alltag weniger um den Keim, die Mitte, sondern um die Schichten, welche sich darum herum gebildet haben.

Schon Augustinus Aurelius versuchte zu unterscheiden zwischen Kern und Schale. „Im Wesentlichen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem Liebe“. John Wesley hatte diesen Ansatz in seinem Nachdenken über die Frömmigkeit aufgegriffen. Es sollte helfen, dass verschiedene Frömmigkeitstypen in der Gemeinschaft zusammenleben und zusammenbleiben können.

 

Meine Frömmigkeit und die Frömmigkeit meiner Mitmenschen darf ich hinterfragen, das zerstört die Einheit nicht! Ich wundere mich jedoch über die Vielfalt, welche mir da begegnet. Mit Bildern gesagt: Perlzwiebeln, Silberzwiebeln, Hauszwiebeln, Allium und Lauch ... Die einen exotisch-individualistisch, andere konservativ-risikoscheu, oder praktisch und leidenschaftslos, aber auch scharf-abgrenzend und rezeptkonform. Es gibt in der Natur die  Verdrängung der Schwächeren durch die Stärkeren. es gibt in der Küche den Streit um den Geschmack. Lieber betrete ich den Garten Gottes — oder unsere Küche — wo die Verschiedenheit mit Liebe gepflegt wird?

 

Hoppla... jetzt muss ich meiner Leidenschaft im Ruhestand nachgeben und den Platz vom Arbeitszimmer in die Küche wechseln. Es gibt eine Sauerkraut-Pastete.

 

Heinrich Bolleter                                                                  Mariä Himmelfahrt 2017

 

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Eine Reminiszenz an Pierre Théophile Spoerri

25. Januar 1926 bis 22. Februar 2017

 

Am vergangenen Mittwoch ist Pierre Spoerri im Alter von 91 Jahren heimgegangen.

Pierre Spoerri studierte an den Universitäten  in Genf und Zürich. Viele Jahre hatte er zusammen mit seiner Frau, Fulvia, für die internationalen Konferenzen in Caux gearbeitet ('Moralische Aufrüstung'; heute 'Initiatives of Change') "Kann eine Generation von den Erfahrungen einer anderen lernen?" Pierre Spoerri, der eng mit seinem Vater zusammengearbeitet hatte, stellte sich immer wieder diese Frage. In diesem Zusammenhang hatte ihn auch das Thema "Vergebung" beschäftigt. Ich erinnere mich noch an den Tag, da er mir sein damals neues Büchlein "Dynamik der Vergebung" ins Bischofsbüro nach Zürich sandte.

Für viele ältere Methodisten in der Schweiz ist der Name Spörri nicht unbekannt.

Der Vater von Pierre Spoerri hiess Theophil Spörri (10.6.1890 La Chaux-de-Fonds – 24.12.1974 Caux). Er war Sohn eines Methodistenpredigers Jakob Gottlieb Spörri und zeigte ein starkes religiöses, soziales und politisches Engagement. Er gehörte der Moralischen Aufrüstung an und war Romanist an der Universität in Zürich.

Nicht zu verwechseln mit Lic. theol. Theophil Spörri, welcher 1922 bis 1944  als Dozent für Neues Testament am Predigerseminar in Frankfurt am Main wirkte. 1930 verfasste er den für viele bedeutenden "Leitfaden für den Katechismus-Unterricht". Seine Glaubenslehre "Der Mensch und die frohe Botschaft" (1939 bis 1956) blieb leider unvollendet. Er war ein Cousin des Romanisten Theophil Spörri.

Mit dieser 'Spörri-Geschichte' sind viele große Persönlichkeiten des geistigen Lebens der Schweiz und Europas verbunden: Emil Brunner und Karl Barth, Max Picard, Denis de Rougemont, C.F. Ramuz, sowie Friedrich T. Wahlen und Arnold Muggli.

(Notiz verfasst durch Heinrich Bolleter, Bischof i.R.)

 

(Photo: Andrew Stallybrass)

Martin Luther und Klement von Ohrid

Ein Zwischenruf zum Reformationsjubiläum

 

Wir feiern 500 Jahre Reformation und stellen erneut fest, dass dieser Aufbruch maßgeblich von Zentraleuropa ausgegangen ist. Wir erinnern an Calvin, Luther, Zwingli und andere Reformatoren.

Wir heben hervor, dass sie Bibel, Bildung und Sprache ins Zentrum gerückt hatten, und dass dies auch eine kritische Sicht auf Leben und Glauben sowie Kirche und Gesellschaft ermöglicht hatte.

 

In Form eines Zwischenrufes möchte ich auf eine andere "Reformation" hinweisen. Im Jahr 2016 haben wir Anlass, ein Jubiläum von 1100 Jahren zu feiern. Im Jahr 916 starb Klement von Ohrid, ein Heiliger der Bulgarisch-, der Mazedonisch- und der Serbisch-Orthodoxen Kirchen.

Es ist interessant, den heiligen Klement von Ohrid (Свети Климент Охридски) neben Martin Luther zu stellen und damit auf einen sehr frühen reformatorischen Beitrag zur Slawischen und Europäischen Kultur aufmerksam zu machen.

 

Klement von Ohrid (ca. 840 - 916) ist der Mitschöpfer des Cyrillischen Alphabets. Mit Bildung und Bibel hat er viel zur "Aufklärung" der Slawen beigetragen. Er war mit Cyril und Methodius unterwegs und hatte zur Popularisierung der Christlichen Texte (Liturgie und Bibel) beigetragen.

Die Brüder Cyril und Methodius wurden vom Byzantinischen Herrscher, Michael III, als Missionare nach Großmähren (Moravien) gesandt, um die Slawen in jener Gegend zum Christentum zu bekehren. Dazu haben sie, basierend auf dem Dialekt in Saloniki, die Alt-Slawische Schrift entwickelt.

 

Das Alt-Slawische mit der cyrillischen Schrift wurde später durch Boris I von Bulgarien zur offiziellen Sprache erklärt. Dies geschah in der Abwehr gegen die griechische Einflussnahme, welche über die vom Byzantinischen Reich ausgesandten Priester die Eigenständigkeit des Bulgarischen Reiches schwächen wollten.

So begründete Boris die ersten Akademien, in welchen die Altslawische Sprache weiter entwickelt und eine unabhängige theologische Ausbildung gefördert wurde.

Klement von Ohrid begründete das Schulwesen in Ohrid. Innerhalb von nur sieben Jahren hatte er etwa 3500 Studenten ausgebildet. 893 wurde er zum Erzbischof der Bulgarisch Orthodoxen Kirche  geweiht. Nach seinem Tod (916) wurde er in Ohrid im Kloster Panteleimon beerdigt. In der Orthodoxie wird er als Vater der Slawischen Sprache und des Schulwesens gefeiert.

 

Klement von Ohrid hat vielleicht einen ebenso großen Beitrag zur Slawischen und Europäischen Kultur geleistet wie 600 Jahre später Martin Luther mit seiner Bibelübersetzung und Verbreitung in Deutscher Sprache. Er hatte das "goldene Zeitalter" für die Slawische Schrift und Literatur sowie das Schulwesen eröffnet. Schrift und Sprache sind stets eng verknüpft mit dem spirituellen und kulturellen Kontext einer Region. Sie werden zu einem Träger der sozialen Identität.

 

Auf diesem Hintergrund können wir eine Entsprechung in der Gestaltung von Schrift, Sprache, Bildung und Bibel bei Klement von Ohrid und Martin Luther erkennen. Das könnte in der Begehung des Reformationsjubiläums ein Fenster in die Slawische Welt öffnen.

 

Heinrich Bolleter, Bischof im Ruhestand.

  

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Zeitzeugen II

Wilhelm Nausner (links), Bischof Bolleter (Mitte), Boris Trajkovski ✝
Wilhelm Nausner (links), Bischof Bolleter (Mitte), Boris Trajkovski ✝

Zum 85. Geburtstag von Wilhelm Nausner

 

Mit Dank für seinen hingebungsvollen Dienst als Laienmitarbeiter in der Kirche.

 

 

 

 

 

Wenn ich diese Notiz aus Anlass des runden Geburtstags am 17. März 2016 schreibe, beginnt ein Film über eine sehr intensive und schöne Zeit der Zusammenarbeit zu laufen.

Wilhelm Nausner hat 55 Jahre in der Zentralkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche von Mittel- und Südeuropa mitgearbeitet. Er begann als freiwilliger Mitarbeiter im Alter von 23 Jahren und hat sich bis ins Alter von 78 Jahren als Denker, als Macher und Netzwerker mit Freude und unverwüstlicher Kraft engagiert. Seit 1963 gehörte er der Exekutive der Zentralkonferenz an, von

1973-97  wirkte er als deren Sekretär.

 

Wilhelm Nausner zeigte stets eine grosse Bereitschaft, sich in den Ländern Mittel- und Südeuropas als Berater und Planer einsetzen zu lassen.

Er brachte auch ein hohes Mass an Kompetenz und Erfahrung mit. Dazu gehörten die selber durchlebten Notzeiten als Flüchtling, der langjährige Einsatz im Flüchtlingsdienst der UNO und der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK von 1964 bis 2008).

Seine Verbindungsdienste zu den Methodisten hinter dem eisernen Vorhang waren sehr wichtig. Als Laie waren im geteilten Europa für ihn die Reisemöglichkeiten eher gegeben als für einen Pastor. Der Bischof konnte zum Beispiele über etliche Jahre nicht offiziell nach Ungarn oder auch nach Bulgarien reisen. Da ist Wilhelm Nausner als Botschafter des Bischofs hin- und hergereist. Er bildete eine wichtige Brücke zum alten Osteuropa. Seit 1974 machte er Besuche in Bulgarien, Ungarn, Jugoslawien. Andere Länder besuchte er im Auftrag der KEK. Wilhelm Nausner verstand es, diplomatisch aber konsequent mit allen umzugehen, mit den Freunden und den Feinden.

So ist Wilhelm Nausner tausende von Kilometern auch in Krisen- und Kriegszeiten im Auto gefahren, um die Gemeinden und Konferenzen zu besuchen. Als Sekretär der Zentralkonferenz hatte Wilhelm Nausner sowohl Bischof Schäfer, als auch Bischof Bolleter, zu vielen Jährlichen Konferenzen in Südosteuropa begleitet. Er hat auch sehr nachhaltig geholfen bei der Neuorganisation von Konferenzen und der Neuregistrierung der Kirchen nach der politischen Wende. Mit einem langen Atem unterstützte er die Kirchenleitungen bei der Verwirklichung neuer Sozialprojekte, Kirchenbauten und in der Katastrophenhilfe. Ich habe mich sehr sicher gefühlt im Beifahrersitz, und ich erinnere mich an viele Gespräche. Unter anderem hatte er mich animiert, den Theologen Sören Kierkegaard zu lesen. "Der Liebe Tun" war nicht nur der wichtige Titel eines Werkes von Kierkegaard, sondern zugleich eine persönliche Erklärung Nausners über die Motivation seines Einsatzes. 

 

Wilhelm Nausner hat sich auch als Ökumeniker und als Kenner der Orthodoxen Kirchen in Mittel und Südeuropa bewiesen.

Es ist nicht übertrieben,  hier fest zu halten, dass er als Sekretär der Zentralkonferenz auch für die Computerisierung der Administration im Sprengel voranging.

 

In der Evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich war Wilhelm Nausner seit dem Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv. Als Rektor des oekumenischen Hilfswerkes Servitas (1986 -1994) war er massgeblich am Wiederaufbau und an der Unterstützung auch der Orthodoxen Kirchen im Lande beteiligt. Die Evangelisch methodistische Kirche hatte ihm als Laien wichtige Dienste übertragen: Er war Leiter der Eigentumsverwaltung (1964 – 1994), ausserdem versah er das Amt des Konferenzlaienführers später wirkte er als Schatzmeister der Jährlichen Konferenz. 1958 bis 1996 beteiligte er sich als Mitglied des Kirchenvorstandes an der Gestaltung und Verwaltung der Kirche in Österreich.

Das wachsende Diakoniezentrum Spattstrasse in Linz zählte auf ihn als Kuratoriumsmitglied und später als  dessen Vorsitzender (1988 -2011).

 

Von 1996 – 2008 lebte er seine Berufung zum Superintendenten in Makedonien. In einer ausserordentlichen Situation wurde Wilhelm Nausner als erfahrener Laie in Makedonien eingesetzt. Der Präsident der Republik Makedonien hat Superintendent Wilhelm Nausner am 7. Oktober 2008 für seine Verdienste um das makedonische Volk die höchste Auszeichnung verliehen. Er würdigte dabei seine humanitär-sozialen Initiativen, angefangen von der Hilfe für die Opfer des Skopjer Erdbebens von 1963, Hilfe im Blick auf die dramatischen Begebenheiten im Laufe der 90er Jahre, bis hin zu der sehr gut organisierten Sozialarbeit des »Miss Stone« Zentrums in Strumica. Anerkennende Erwähnung fand gleichzeitig auch sein Beitrag zur Affirmation des jungen, makedonischen demokratischen Staates und zur Festschreibung einer Verfassung für die EMK in Makedonien. An der außergewöhnlichen Begegnung nahm neben einer Delegation der Evangelisch-methodistischen Kirche auch der österreichische Botschafter in Makedonien teil. Dass zudem mehrere der höchsten Vertreter der anderen Kirchen und Glaubensgemeinschaften in Makedonien anwesend waren, so Erzbischof Stefan von der Makedonisch-orthodoxen Kirche, Dr. Kiro Stojanov, Bischof der Katholischen Kirche, und Reis Suleiman Recepi, höchster Vertreter der Islamischen Gemeinschaft, machte deutlich, wie sehr das methodistische Engagement für Frieden und eine Zukunft in Makedonien geschätzt wurde.

Im Gebiet des westlichen Balkans standen 2008 einige Veränderungen bevor. Kroatien und Albanien waren bisher unter der direkten Aufsicht des Bischofs geführt worden. Auf diesen Zeitpunkt sollte unter der Aufsicht eines in der Region ansässigen, erfahrenen Pastors die EMK in Albanien aufgebaut werden.

In Makedonien hatte die Übergabe von Wilhelm Nausner an Wilfried Nausner an der Konferenz im Herbst 2008 stattgefunden.

Mehr als einmal musste Wilhelm Nausner wegen schwerer Erkrankung pausieren. Aber jedes Mal ist er wider vom Krankenlager aufgestanden und hat seinen geschätzten Dienst erneut aufgenommen. Vor rund 10 Jahren sagte er nach einem Eingriff am Herzen an der Konferenz in Strumica: "Ich bin Gott dankbar, dass ich heute unter euch sein darf. Ich fühle mich gesund. Langsam und mit Freude setze ich mein normales Leben wieder fort, versuche die damit verbundenen Pflichten wieder zu erledigen." Das ist Wilhelm Nausner!

 

Seit 2008 lebt Wilhelm Nausner zusammen mit seiner Frau Helene im verdienten Ruhestand in Linz, Österreich. Sein Leben ist ruhiger geworden und wir wünschen ihm, dass er die vielen Reisen Aufgaben und Begegnungen nicht vergisst und Gott dankt für den Weg, den er ihn geführt hat. Auch der Schreibende schaut heute noch gerne auf reichen Erfahrungen zurück. Wilhelm Nausner ist ein Beispiel für die Nachfolge Christi, ein Beispiel des Glaubens, der in der Liebe tätig ist.

Im Namen vieler grüsse ich den Jubilaren zum 85. Geburtstag und wünsche ihm ein frohes Fest im Kreis seiner Lieben.

Im März 2016, Heinrich Bolleter, Bischof i.R.

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Zeitzeugen hinterlassen Spuren

Anmerkung: 

Am 14. Juli 2016 wurde Bischof Franz Schäfer im 96. Altersjahr friedlich im Kreis seiner Familie in die Ewigkeit gerufen. Ein öffentlicher Dankgottesdienst im Gedenken an Bischof Franz Schäfer wird am 8. August 2016 um 14 Uhr im Fraumünster in Zürich stattfinden.

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