Eine Reminiszenz an Pierre Théophile Spoerri

25. Januar 1926 bis 22. Februar 2017

 

Am vergangenen Mittwoch ist Pierre Spoerri im Alter von 91 Jahren heimgegangen.

Pierre Spoerri studierte an den Universitäten  in Genf und Zürich. Viele Jahre hatte er zusammen mit seiner Frau, Fulvia, für die internationalen Konferenzen in Caux gearbeitet ('Moralische Aufrüstung'; heute 'Initiatives of Change') "Kann eine Generation von den Erfahrungen einer anderen lernen?" Pierre Spoerri, der eng mit seinem Vater zusammengearbeitet hatte, stellte sich immer wieder diese Frage. In diesem Zusammenhang hatte ihn auch das Thema "Vergebung" beschäftigt. Ich erinnere mich noch an den Tag, da er mir sein damals neues Büchlein "Dynamik der Vergebung" ins Bischofsbüro nach Zürich sandte.

Für viele ältere Methodisten in der Schweiz ist der Name Spörri nicht unbekannt.

Der Vater von Pierre Spoerri hiess Theophil Spörri (10.6.1890 La Chaux-de-Fonds – 24.12.1974 Caux). Er war Sohn eines Methodistenpredigers Jakob Gottlieb Spörri und zeigte ein starkes religiöses, soziales und politisches Engagement. Er gehörte der Moralischen Aufrüstung an und war Romanist an der Universität in Zürich.

Nicht zu verwechseln mit Lic. theol. Theophil Spörri, welcher 1922 bis 1944  als Dozent für Neues Testament am Predigerseminar in Frankfurt am Main wirkte. 1930 verfasste er den für viele bedeutenden "Leitfaden für den Katechismus-Unterricht". Seine Glaubenslehre "Der Mensch und die frohe Botschaft" (1939 bis 1956) blieb leider unvollendet. Er war ein Cousin des Romanisten Theophil Spörri.

Mit dieser 'Spörri-Geschichte' sind viele große Persönlichkeiten des geistigen Lebens der Schweiz und Europas verbunden: Emil Brunner und Karl Barth, Max Picard, Denis de Rougemont, C.F. Ramuz, sowie Friedrich T. Wahlen und Arnold Muggli.

(Notiz verfasst durch Heinrich Bolleter, Bischof i.R.)

 

(Photo: Andrew Stallybrass)

Martin Luther und Klement von Ohrid

Ein Zwischenruf zum Reformationsjubiläum

 

Wir feiern 500 Jahre Reformation und stellen erneut fest, dass dieser Aufbruch maßgeblich von Zentraleuropa ausgegangen ist. Wir erinnern an Calvin, Luther, Zwingli und andere Reformatoren.

Wir heben hervor, dass sie Bibel, Bildung und Sprache ins Zentrum gerückt hatten, und dass dies auch eine kritische Sicht auf Leben und Glauben sowie Kirche und Gesellschaft ermöglicht hatte.

 

In Form eines Zwischenrufes möchte ich auf eine andere "Reformation" hinweisen. Im Jahr 2016 haben wir Anlass, ein Jubiläum von 1100 Jahren zu feiern. Im Jahr 916 starb Klement von Ohrid, ein Heiliger der Bulgarisch-, der Mazedonisch- und der Serbisch-Orthodoxen Kirchen.

Es ist interessant, den heiligen Klement von Ohrid (Свети Климент Охридски) neben Martin Luther zu stellen und damit auf einen sehr frühen reformatorischen Beitrag zur Slawischen und Europäischen Kultur aufmerksam zu machen.

 

Klement von Ohrid (ca. 840 - 916) ist der Mitschöpfer des Cyrillischen Alphabets. Mit Bildung und Bibel hat er viel zur "Aufklärung" der Slawen beigetragen. Er war mit Cyril und Methodius unterwegs und hatte zur Popularisierung der Christlichen Texte (Liturgie und Bibel) beigetragen.

Die Brüder Cyril und Methodius wurden vom Byzantinischen Herrscher, Michael III, als Missionare nach Großmähren (Moravien) gesandt, um die Slawen in jener Gegend zum Christentum zu bekehren. Dazu haben sie, basierend auf dem Dialekt in Saloniki, die Alt-Slawische Schrift entwickelt.

 

Das Alt-Slawische mit der cyrillischen Schrift wurde später durch Boris I von Bulgarien zur offiziellen Sprache erklärt. Dies geschah in der Abwehr gegen die griechische Einflussnahme, welche über die vom Byzantinischen Reich ausgesandten Priester die Eigenständigkeit des Bulgarischen Reiches schwächen wollten.

So begründete Boris die ersten Akademien, in welchen die Altslawische Sprache weiter entwickelt und eine unabhängige theologische Ausbildung gefördert wurde.

Klement von Ohrid begründete das Schulwesen in Ohrid. Innerhalb von nur sieben Jahren hatte er etwa 3500 Studenten ausgebildet. 893 wurde er zum Erzbischof der Bulgarisch Orthodoxen Kirche  geweiht. Nach seinem Tod (916) wurde er in Ohrid im Kloster Panteleimon beerdigt. In der Orthodoxie wird er als Vater der Slawischen Sprache und des Schulwesens gefeiert.

 

Klement von Ohrid hat vielleicht einen ebenso großen Beitrag zur Slawischen und Europäischen Kultur geleistet wie 600 Jahre später Martin Luther mit seiner Bibelübersetzung und Verbreitung in Deutscher Sprache. Er hatte das "goldene Zeitalter" für die Slawische Schrift und Literatur sowie das Schulwesen eröffnet. Schrift und Sprache sind stets eng verknüpft mit dem spirituellen und kulturellen Kontext einer Region. Sie werden zu einem Träger der sozialen Identität.

 

Auf diesem Hintergrund können wir eine Entsprechung in der Gestaltung von Schrift, Sprache, Bildung und Bibel bei Klement von Ohrid und Martin Luther erkennen. Das könnte in der Begehung des Reformationsjubiläums ein Fenster in die Slawische Welt öffnen.

 

Heinrich Bolleter, Bischof im Ruhestand.

  

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Zeitzeugen II

Wilhelm Nausner (links), Bischof Bolleter (Mitte), Boris Trajkovski ✝
Wilhelm Nausner (links), Bischof Bolleter (Mitte), Boris Trajkovski ✝

Zum 85. Geburtstag von Wilhelm Nausner

 

Mit Dank für seinen hingebungsvollen Dienst als Laienmitarbeiter in der Kirche.

 

 

 

 

 

Wenn ich diese Notiz aus Anlass des runden Geburtstags am 17. März 2016 schreibe, beginnt ein Film über eine sehr intensive und schöne Zeit der Zusammenarbeit zu laufen.

Wilhelm Nausner hat 55 Jahre in der Zentralkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche von Mittel- und Südeuropa mitgearbeitet. Er begann als freiwilliger Mitarbeiter im Alter von 23 Jahren und hat sich bis ins Alter von 78 Jahren als Denker, als Macher und Netzwerker mit Freude und unverwüstlicher Kraft engagiert. Seit 1963 gehörte er der Exekutive der Zentralkonferenz an, von

1973-97  wirkte er als deren Sekretär.

 

Wilhelm Nausner zeigte stets eine grosse Bereitschaft, sich in den Ländern Mittel- und Südeuropas als Berater und Planer einsetzen zu lassen.

Er brachte auch ein hohes Mass an Kompetenz und Erfahrung mit. Dazu gehörten die selber durchlebten Notzeiten als Flüchtling, der langjährige Einsatz im Flüchtlingsdienst der UNO und der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK von 1964 bis 2008).

Seine Verbindungsdienste zu den Methodisten hinter dem eisernen Vorhang waren sehr wichtig. Als Laie waren im geteilten Europa für ihn die Reisemöglichkeiten eher gegeben als für einen Pastor. Der Bischof konnte zum Beispiele über etliche Jahre nicht offiziell nach Ungarn oder auch nach Bulgarien reisen. Da ist Wilhelm Nausner als Botschafter des Bischofs hin- und hergereist. Er bildete eine wichtige Brücke zum alten Osteuropa. Seit 1974 machte er Besuche in Bulgarien, Ungarn, Jugoslawien. Andere Länder besuchte er im Auftrag der KEK. Wilhelm Nausner verstand es, diplomatisch aber konsequent mit allen umzugehen, mit den Freunden und den Feinden.

So ist Wilhelm Nausner tausende von Kilometern auch in Krisen- und Kriegszeiten im Auto gefahren, um die Gemeinden und Konferenzen zu besuchen. Als Sekretär der Zentralkonferenz hatte Wilhelm Nausner sowohl Bischof Schäfer, als auch Bischof Bolleter, zu vielen Jährlichen Konferenzen in Südosteuropa begleitet. Er hat auch sehr nachhaltig geholfen bei der Neuorganisation von Konferenzen und der Neuregistrierung der Kirchen nach der politischen Wende. Mit einem langen Atem unterstützte er die Kirchenleitungen bei der Verwirklichung neuer Sozialprojekte, Kirchenbauten und in der Katastrophenhilfe. Ich habe mich sehr sicher gefühlt im Beifahrersitz, und ich erinnere mich an viele Gespräche. Unter anderem hatte er mich animiert, den Theologen Sören Kierkegaard zu lesen. "Der Liebe Tun" war nicht nur der wichtige Titel eines Werkes von Kierkegaard, sondern zugleich eine persönliche Erklärung Nausners über die Motivation seines Einsatzes. 

 

Wilhelm Nausner hat sich auch als Ökumeniker und als Kenner der Orthodoxen Kirchen in Mittel und Südeuropa bewiesen.

Es ist nicht übertrieben,  hier fest zu halten, dass er als Sekretär der Zentralkonferenz auch für die Computerisierung der Administration im Sprengel voranging.

 

In der Evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich war Wilhelm Nausner seit dem Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv. Als Rektor des oekumenischen Hilfswerkes Servitas (1986 -1994) war er massgeblich am Wiederaufbau und an der Unterstützung auch der Orthodoxen Kirchen im Lande beteiligt. Die Evangelisch methodistische Kirche hatte ihm als Laien wichtige Dienste übertragen: Er war Leiter der Eigentumsverwaltung (1964 – 1994), ausserdem versah er das Amt des Konferenzlaienführers später wirkte er als Schatzmeister der Jährlichen Konferenz. 1958 bis 1996 beteiligte er sich als Mitglied des Kirchenvorstandes an der Gestaltung und Verwaltung der Kirche in Österreich.

Das wachsende Diakoniezentrum Spattstrasse in Linz zählte auf ihn als Kuratoriumsmitglied und später als  dessen Vorsitzender (1988 -2011).

 

Von 1996 – 2008 lebte er seine Berufung zum Superintendenten in Makedonien. In einer ausserordentlichen Situation wurde Wilhelm Nausner als erfahrener Laie in Makedonien eingesetzt. Der Präsident der Republik Makedonien hat Superintendent Wilhelm Nausner am 7. Oktober 2008 für seine Verdienste um das makedonische Volk die höchste Auszeichnung verliehen. Er würdigte dabei seine humanitär-sozialen Initiativen, angefangen von der Hilfe für die Opfer des Skopjer Erdbebens von 1963, Hilfe im Blick auf die dramatischen Begebenheiten im Laufe der 90er Jahre, bis hin zu der sehr gut organisierten Sozialarbeit des »Miss Stone« Zentrums in Strumica. Anerkennende Erwähnung fand gleichzeitig auch sein Beitrag zur Affirmation des jungen, makedonischen demokratischen Staates und zur Festschreibung einer Verfassung für die EMK in Makedonien. An der außergewöhnlichen Begegnung nahm neben einer Delegation der Evangelisch-methodistischen Kirche auch der österreichische Botschafter in Makedonien teil. Dass zudem mehrere der höchsten Vertreter der anderen Kirchen und Glaubensgemeinschaften in Makedonien anwesend waren, so Erzbischof Stefan von der Makedonisch-orthodoxen Kirche, Dr. Kiro Stojanov, Bischof der Katholischen Kirche, und Reis Suleiman Recepi, höchster Vertreter der Islamischen Gemeinschaft, machte deutlich, wie sehr das methodistische Engagement für Frieden und eine Zukunft in Makedonien geschätzt wurde.

Im Gebiet des westlichen Balkans standen 2008 einige Veränderungen bevor. Kroatien und Albanien waren bisher unter der direkten Aufsicht des Bischofs geführt worden. Auf diesen Zeitpunkt sollte unter der Aufsicht eines in der Region ansässigen, erfahrenen Pastors die EMK in Albanien aufgebaut werden.

In Makedonien hatte die Übergabe von Wilhelm Nausner an Wilfried Nausner an der Konferenz im Herbst 2008 stattgefunden.

Mehr als einmal musste Wilhelm Nausner wegen schwerer Erkrankung pausieren. Aber jedes Mal ist er wider vom Krankenlager aufgestanden und hat seinen geschätzten Dienst erneut aufgenommen. Vor rund 10 Jahren sagte er nach einem Eingriff am Herzen an der Konferenz in Strumica: "Ich bin Gott dankbar, dass ich heute unter euch sein darf. Ich fühle mich gesund. Langsam und mit Freude setze ich mein normales Leben wieder fort, versuche die damit verbundenen Pflichten wieder zu erledigen." Das ist Wilhelm Nausner!

 

Seit 2008 lebt Wilhelm Nausner zusammen mit seiner Frau Helene im verdienten Ruhestand in Linz, Österreich. Sein Leben ist ruhiger geworden und wir wünschen ihm, dass er die vielen Reisen Aufgaben und Begegnungen nicht vergisst und Gott dankt für den Weg, den er ihn geführt hat. Auch der Schreibende schaut heute noch gerne auf reichen Erfahrungen zurück. Wilhelm Nausner ist ein Beispiel für die Nachfolge Christi, ein Beispiel des Glaubens, der in der Liebe tätig ist.

Im Namen vieler grüsse ich den Jubilaren zum 85. Geburtstag und wünsche ihm ein frohes Fest im Kreis seiner Lieben.

Im März 2016, Heinrich Bolleter, Bischof i.R.

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Zeitzeugen hinterlassen Spuren

Anmerkung: 

Am 14. Juli 2016 wurde Bischof Franz Schäfer im 96. Altersjahr friedlich im Kreis seiner Familie in die Ewigkeit gerufen. Ein öffentlicher Dankgottesdienst im Gedenken an Bischof Franz Schäfer wird am 8. August 2016 um 14 Uhr im Fraumünster in Zürich stattfinden.

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Weitblick und Humor als Kennzeichen eines Bischofs Zum 50. Todestag von Bischof Dr. Ferdinand Sigg

(Geboren am 22. März 1902 in Thalwil und gestorben am 27. Oktober 1965 in Zürich).

 

 Ferdinand Sigg schrieb vier Jahre vor seinem überraschenden Heimgang:

"Das kurze Leben, das mir für meine tausend Ideen geschenkt worden ist, steht allein unter der Gnade Gottes, deren ich mir bis zum letzten Augenblick bewusst bleiben werde."

 

Ferdinand Sigg war ein begnadeter Pfarrer der Methodistenkirche, dann der Sekretär von Bischof John Louis Nuelsen, und später der erste europäische Bischof der neugebildeten Zentralkonferenz der Bischöflichen Methodistenkirche in Mittel- und Südeuropa.

 

Er war in vielen Sparten ein führender Kopf: 1936 wurde er während einer wirtschaftlichen Krise Direktor der Christlichen Vereinsbuchhandlung, des schweizerischen methodistischen Verlags in Zürich. Nach dem Krieg half er von der Schweiz aus beim Wiederaufbau des deutschen Verlags und der dazugehörigen Druckerei in Frankfurt.

Schon früh engagierte sich Sigg für die Ökumene: Ab 1942 war er Vertreter der Bischöflichen Methodistenkirche im Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund. Acht Jahre präsidierte er den Schweizerischen Evangelischen Missionsrat. Er wirkte von Anfang an mit im Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS), das nach dem Zweiten Weltkrieg für den kirchlichen Wiederaufbau in Europa gebildet wurde. 1948 nahm er als Dolmetscher an der Gründungsversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Amsterdam teil.

1954 kam es in Brüssel zur konstituierenden Sitzung der neugebildeten Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa, zu der die bischöfliche Methodistenkirche in der Schweiz, Frankreich, Österreich, Belgien, Polen, der damaligen Tschechoslowakei, Ungarn, dem damaligen Jugoslawien, und Bulgarien sowie die methodistische Sektion in Nordafrika gehörten. Die Mehrzahl der Staaten stand unter kommunistischer Herrschaft und in manchen Ländern waren Methodisten Opfer von Verfolgungen. Ferdinand Sigg wurde von dieser Konferenz zum Bischof gewählt.

Im Ökumenischen Rat der Kirchen und bei dessen Kommissionen für Glauben und Kirchenverfassung in Lund 1952 und Montreal 1964 hatte er mitgearbeitet. Der Zweiten Tagung der Christlichen Friedenskonferenz (CFK) im April 1959 in Prag ließ er Grüße überbringen, und in der II. Allchristlichen Friedensversammlung 1964 in Prag hatte er mitgearbeitet.

Am 27. Oktober 1965 verstarb Ferdinand Sigg völlig unerwartet im Amt. 1966 wurde Franz Schäfer zu seinem Nachfolger als Bischof gewählt.

 

Einer seiner Freunde, Dr. F. Raaflaub vom Schweizerischen Evangelischen Missionsrat schrieb: "Ferdinand Sigg eignete eine ausser gewöhnliche Kontaktfähigkeit. Sein Humor, der nie oberflächlich wirkte, hat ihm auch in Afrika und Asien viele Herzen gewonnen. Er sah ja im Mitmenschen, gleichgültig welcher Rasse er angehörte, immer einen Bruder... wir alle, die wir ihn persönlich so gut kannten oder durch das Anliegen der Mission mit ihm verbunden waren, danken Gott, dass er uns diesen weitblickenden, glaubensstarken und weisen Mann geschenkt hat."

 

Notiert durch Heinrich Bolleter, Bischof im Ruhestand

27.10.2015

 

 

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Hillary Clinton war die Festrednerin in der UMC Foundry Church in Washington DC

Am 13. September 2015 blickte die 'Foundry United Methodist Church' in Washington USA auf 200 Jahre Dienst zurück. Die Kirchgemeinde versammelte sich all die Jahre nur ein Fussweg weit vom Weissen Haus entfernt. Die Bedeutung dieser Kanzel im politischen Zentrum der USA wurde stets hervorgehoben und spiegelte sich auch in der Galerie 'hochkarätiger' Pastoren, welche eine Dienstzuweisung an diese Gemeinde bekamen. Bis zum Jahr 2014 waren es stets Männer. Erst seit 2014 wurde die Kanzel mit einer Frau besetzt: Rev. Ginger Gaines-Cirelli!

 

Im Festgottesdienst predigten zwei bekannte Laienfrauen aus der Foundry United Methodist Church: Chelsea und Hillary Clinton. Die einstige First Lady und heutige Kandidatin für die Präsidentschaft in den USA erzählte, wie sie 1993 bei winterlichem Schneetreiben  mit ihrer Tochter Chelsea zu Fuss vom Weissen Haus zur Kirche kam. Damals waren die Sicherheitsvorkehrungen noch dezenter als heute. Den beiden Frauen folgten mit einigem Abstand zwei Sicherheitsleute. "Seit jenem Besuch in der Foundry Church bis heute waren wir stets willkommen. Diese Gemeinde wurde für uns der Ort, da wir Gottesdienst feierten, Unterweisung bekamen und zur Besinnung angeleitet wurden. Es ist der Ort, wo wir dienen konnten in einem anderen Umfeld als im Weissen Haus.  Wir wurden aufgenommen und angenommen als Familie, wie alle anderen Familien. Das bedeutete uns sehr viel."

 

Wie kam die United Methodist Church zu diesem prominenten Platz inmitten Washingtons? Der Platz in zentraler Lage gehörte einem Freund von Francis Asbury, des ersten Methodistischen Bischofs in den USA. Henry Foxall war in England geboren und besass  in Washington eine Eisengiesserei. Da dieses Eisenwerk in den Wirren der damaligen Zeit unbeschädigt blieb, spendete Henry Foxall 1814 für die Methodisten in Washington das Land und die Mittel für einen Kirchenbau. Gleich daneben  wurde damals das Capitol-Gebäude 1812 von den britischen Truppen zerstört und war erst 1826 wieder aufgebaut.

Chelsea Clinton erklärte, was "Foundry" für sie bedeutete. Es wurde für sie ein Ort der Wärme und der Gemeinschaft in den Teenager-Jahren, welche sie im Weissen Haus verlebte. "Als wir nach Washington umziehen mussten, konnte ich mir nicht vorstellen, eine Gemeinschaft zu finden die mir ebenso viel bedeutete wie die Kirche an unserem früheren Wohnort in Little Rock."

Hillary Clinton wies darauf hin, dass sie in der methodistischen Tradition aufgewachsen sei. Da habe sie von Jugend auf gelernt, dass der "Glaube durch die Liebe tätig sein soll". Bei den Methodisten habe sie auch viel Offenheit und positive Kritik erfahren. Und gerade an diesem festlichen Morgen sei sie vom frühere Pastor der Foundry Church, Dr. Wogaman, ermahnt worden, sie solle doch freundlicher mit der Presse umgehen!

 

Es ist zu wünschen, dass auch im Falle einer Rückkehr Hillary Clintons ins Weisse Haus diese offene und unterstützende Gemeinschaft der Foundry Church ein Ort des Willkommens bleibt für alle Menschen: Reiche und Arme, Mächtige und Randständige, Schwarze und Weisse, Frauen, Männer und Kinder.

 

Heinrich Bolleter, Bischof im Ruhestand

Nach einem Artikel in "UMConnection" vom Oktober 2015 herausgegeben von der Baltimore-Washington Conference of The United Methodist Church.

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A Place to belong ...

A Place to Belong ...

 

Last Sunday we had a full house and a melting pot of many cultures. The worship service took place at the United Methodist Church downtown Aarau, Switzerland (March 22, 2015). The languages were German, Arab and the Swiss-German dialect.

The hymns and bible passages were on the screen in German and in Arab. The Pastor of the German-speaking congregation together with the leaders of the Arab-Fellowship were leading and preaching. The praise-team was a mixture of the two worshiping congregations in two different styles. "Christ has broken down the dividing wall, that is the hostility between us. So he came and proclaimed peace to those who were far off und peace to those who were near" Ephesians 2,14–22.

 

The personal witness of the preacher, Rami Ziadeh, was helping to understand how this multi-ethnic ministry in Aarau began. His testimony translated by his wife Anna Ziadeh reads as follows: "Fourteen years ago, we came as asylum-seekers from Syria to Switzerland. We were a very young couple, open for a new start in Switzerland. But the language barriers and many other difficulties made it very hard. We were strangers, ready to be called for repatriation to Syria. We felt to be cut off from real life, outsiders in the strongest sense of the word. So we were looking for a place to belong! We understood that belonging is something, which has to go deep, has to be based on a common foundation.  Finally we found the place to belong: the UMC in Aarau. The church also engaged in our struggle to get the permit to stay in Switzerland. From foreigners we mutated to friends. Growing in faith and in love we started to care for other persons and families all of them refugees from Syria, Irak, Iran. And the local church was supporting us in this mission. Looking back, we are convinced, that God had brought us from Syria to Switzerland at such an early stage and prepared us for the ministry among the refugees in Aarau, who in recent years were finding their way from the war torn countries in the Middle East to Switzerland."

The Arabic fellowship is today a community of Christians fostering relationships through authenticity, affirmation and accountability. Here you may find as a stranger into a Circle of Friends. The new fellowship is coming together every second Sunday, following the German Worship. The families are celebrating the community and are staying together for lunch. Regularly the new fellowship and the traditional German congregation are happy to worship together and enjoy the rich cultures in such an event.

 

Rami and Anna Ziadeh are now part-time employed by the UMC as coordinaters for the Arabic fellowship. The church is also sponsoring scholarships for their study, so that their way into the ministry of the UMC shall be possible. The grant from the GCORR Action Fund is an encouraging contribution to this.

The United Methodist Church in Aarau has become a place to belong ...

a house full of colors and a melting pot of many cultures. We see it taking shape day after day: a holy temple built by God and in which God and the people are at home.          

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"Marhaba" — exploring a new ministry.

We are remembering the Sunday morning worship, when Monika was presenting a Chinese asylum-seeker to the congregation. Together with her family she had started to care for this young man and was giving a testimony about this new experience. She often shared about the progress in this accompaniment and the young man started to address the congregation with a few German words he had already learnt. When the Swiss Authorities denied his request for Asylum he had to leave the country as ordered. He disappeared and we lost contact with him…

This was about five years ago and since we opened the doors of the church for refugees and asylum-seekers. At the entrance we posted a placard: "Marhaba. Welcome in our coffee-shop". Today (February, 2015), every Wednesday afternoon the welcome-coffee-shop is overcrowded. In the room next to the coffee - shop, we teach classes in German language, in another room the small children of the refugee-families are playing with toys, they only were dreaming of before. In the youth-room of the congregation the young asylum-seekers are playing billiards and table – tennis. It is amazing how they are communicating with each other in spite of the language barriers — a wonderful mix of different cultures: Women and children, young men, from Eritrea, Iran, Irak, Syria, from Congo!

You see volunteers talking with the asylum-seekers and helping them to fill in the forms, which they have to present to the authorities. There is a woman talking with a migrant-woman from Tibet, who had tears in her eyes because her visa had been denied. And for a while they are hugging each other silently. There are momentarily six or more volunteers serving on a Wednesday afternoon. Together with the alternates we are counting at this time 12 up to 15 helpers.

With the support from GCORR the volunteers are encouraged and we are improving their skills to serve. After five years, our congregation is now recognized in the city of Aarau as a church open for the strangers. And we say "Marhaba — welcome".

Lienhard Roser, Head of the Marhaba-Team and

Heinrich Bolleter

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Ein Zeitfenster für Nordafrika:Vor 60 Jahren, am                      1. November 1954, begann der Algerienkrieg

Ein Zeitfenster für Nordafrika und Europa schaut weg:

Vor 60 Jahren, am 1. November 1954, begann der Algerienkrieg

 

Nordafrika hat bei den Europäern nicht die Aufmerksamkeit, welche nötig wäre, um die heutige Lage zu verstehen. Der sogenannte arabische Frühling in Ägypten, Lybien und Tunesien wurde in Europa zwar beklatscht und als Wende von totalitären Systemen zu demokratischen Ansätzen begrüsst. Seit jedoch diese Hoffnungen im chaotischen Nachgang verschüttet wurden, schaut man in Europa lieber weg beim Thema Nordafrika.

 

Algerien ist es bisher nicht gelungen das Trauma des Krieges, der am 1. November 1954 begann und 435'000 Tote forderte zu überwinden. Algerien wurde damals als Teil Frankreichs gesehen. Die Fläche Algeriens war jedoch vier mal so gross wie die Fläche des französischen Mutterlandes. Um den kolonialistischen Machtanspruch Frankreichs nicht zu gefährden, hatte eine französische Stimme in Algerien per Gesetz mehr Gewicht als die Stimme eines Algeriers (acht mal mehr). Damit war die Unterdrückung der Algerier durch die Minderheit der Franzosen so gross geworden, dass sie unerträglich wurde.

Im Frühjahr 1954 gründete der Exil-Algerier Ahmed Ben Bella den FLN (Front de Libération Nationale) und rief die Algerier zum Widerstand auf. Am 1. November 1954 (also vor 60 Jahren) begann einer der blutigsten Kriege vor den Toren Europas. Frankreich schreckte in diesem Krieg vor nichts zurück: Massaker unter der Zivilbevölkerung, Massenverhaftungen und grausame Folterungen. Aber dieses rigorose Zuschlagen heizte den Volksaufstand derart an, dass Frankreich den Aufstand nicht mehr niederschlagen konnte. Im Jahr 1962 willigte General de Gaulle im Vertrag von Evian in den Rückzug der französischen Truppen aus Algerien ein.

 

Mit Begeisterung feierten die Algerier ihre Unabhängigkeit. Am 1. Juli 1962 stimmten die Algerier in einem Referendum für die Unabhängigkeit ihres Landes. Der proklamierte Sozialismus degenerierte unter Präsident Houari Boumédienne zum Selbstbedienungsladen der Klicke der Regierenden. Sie bedienten sich schamlos an den Oel- und Gasmilliarden des Landes.

 

Die soziale Not im Lande führte dazu, dass im Jahr 1990 die 38 Millionen Einwohner in den Lokalwahlen ihre Stimme für den FIS (die Islamische Heilsfront) abgaben und 1991 genauso in den Parlamentswahlen. Da griff die Armee ein und verhinderte dadurch eine Regierung der FIS. Europa schaute zu und hatte nicht verstanden, dass das Votum für die FIS nicht ein Votum für den Islamismus war, sondern eine Option, den Status Quo der Armut zu überwinden.

Das Eingreifen der Armee und die Aberkennung des Wahlsieges des FIS führten zu einem zehnjährigen Krieg mit der Islamischen Heilsfront, welche nun als GIA (Groupes islamiques armés) mit Terroranschlägen das Land zu destabilisieren suchten. Das führte zum Tod von über 100'000 Zivilisten.

 

Im Jahr 1999 rief der neue Präsident Abdelaziz Bouteflika zu einer nationalen Versöhnung auf. Aber die Wunden sind noch lange nicht verheilt. Der Eindruck trügt, dass Algerien im Vergleich mit anderen Nordafrikanischen Staaten einigermaßen stabil sei. Im Jahr 2011 erstickte der Einsatz von 30'000 Polizisten eine Demonstration in Algiers im Keime. Damit war ein algerischer Frühling keine Option.

 

So bleibt Algerien ein Land, das nicht fähig zu sein scheint, seine Zukunft neu zu gestalten. Armut und Gewalt beherrschen das Land. Eine Aussöhnung mit Frankreich scheint unmöglich; im Gegenteil, der Tonfall bleibt hart. Bouteflika soll unlängst gegenüber Frankreich vom 'Völkermord an der Identität Algeriens' gesprochen haben. Algerien ist nach dem Kongo wohl das zweitgrösste Land auf dem Afrikanischen Kontinent. Es könnte wie andere Länder in Afrika in die Hände der Islamisten geraten. So haben wir uns eigentlich den nordafrikanischen Frühling nicht vorgestellt. Europa schaut weg, wenn es im Maghreb kriselt.

 

Heinrich Bolleter

 

Hinweis zur Evangelisch-methodistischen Kirche in Algerien:

Bevor Algerien im Jahre 1962 unabhängig wurde, kannte die methodistische Arbeit in Algerien nur wenig Einschränkungen. Die Kirche besass Missionsstationen, Kinderheime und Kliniken. Damals war die Kirche in Nordafrika als Jährliche Konferenz konstituiert, zu der auch einheimische Pastoren, Laienprediger in Tunesien gehörten. Dann löste sich Algerien von Frankreich. Viele einheimische Christen verliessen das Land, weil sie glaubten, in einem unabhängigen Algerien hätte es keinen Platz mehr für eine christliche Kirche. Acht Jahre später schliesslich ereignete sich das, was die folgende Zeit nachhaltig prägte: Die Hälfte der methodistischen Missionare wurde ausgewiesen, Kinderheime und Internate mussten geschlossen werden, und kirchliches Eigentum wurde vom Staat übernommen.

 1972 vereinigte sich die Evangelisch-methodistische Kirche mit den meisten anderen evangelischen Denominationen zur Protestantischen Kirche Algeriens, und die methodistische Arbeit in Nordafrika wurde als Distrikt der Jährlichen Konferenz Schweiz-Frankreich-Nordafrika organisiert. (siehe:  http://www.umc-europe.org/nordafrika_d.php )

 

Kinder des digitalen Zeitalters — Generation Z

Ich selber gehöre nicht dazu.

Die entsprechende Literatur sagt mir, dass ich ein digitaler Immigrant sei, weil ich den Umgang mit der digitalen Technologie erst im Erwachsenenalter gelernt habe. Die Kinder des digitalen Zeitalters werden digitale Native genannt, weil sie mit digitalen Technologien wie Computern, dem Internet, Mobiltelefonen und MP3-Playern aufgewachsen sind.

 

2003 hatte die UNO zum Weltgipfel über die Informationsgesellschaft nach Genf eingeladen. 2005 folgte die zweite Tagung in Tunis. Es ging um die Durchdringung aller Lebensbereiche mit Informations- und Kommunikationstechnologie und die Folgen für die verschiedenen Regionen in der Welt. 2012 hatte der Standard in Österreich einen Artikel von Prof. Dr. Christian Scholz publiziert, welcher darüber reflektierte, was diese Entwicklung für das Personalmanagement bedeutet. Da war ich zum ersten Mal auf den Begriff der ‚Generation Z’ gestossen.

Es kann ja nicht anders sein, als dass die Begriffe  der Generationen X, Y und Z aus den USA kommen. Sie beschreiben dort im eher populistischen Stil die Generationen nach den sogenannten Baby Boomers. Am meisten würde mich heute interessieren, was einmal nach den Generationn X, Y, Z kommen wird...

Die Zeitfenster für diesen schnellen Generationenwechsel werden in allen Verlautbarungen etwa gleich beschrieben: Generation X von 1965 bis 1980, die Generation Y von 1980 bis 1995, und die Generation Z umfasst alle, welche nach 1995 geboren sind. Das ist die Generation, welche heute auf den Arbeitsmarkt drängt.

 

Wer sind diese Kinder des digitalen Zeitalters und der Multioptionsgesellschaft?

Als ich mich näher mit dieser Frage befasst hatte, war mir sofort klar, dass wir als Kirche mit unseren medialen Auftritten und unserem eher antiquierten Amtsverständnis noch nicht wirklich in diesem neuen Zeitalter angekommen sind.

Da geht es um junge Menschen, welche die Werbeagenturen und auch die Wirtschaft ansprechen. Es sind die modernen, finanziell eher gut ausgestatteten, jungen Leute mit einer tragfähigen Grundausbildung. Sie sind mobil, individualistisch, gewohnt, die Lawine der Informationen zu filtern. Sie glauben nicht mehr an die ewig wachsende Wirtschaft, sie sind Realisten und keine Träumer. Autorität gibt es für sie nicht mehr kraft einer Position, sondern nur aufgrund der Ausstrahlung einer Person.

Sie haben eine neue Art, sich Wissen anzueignen: Da es jederzeit und überall digital verfügbar ist, müssen sich die Studierenden nicht mehr mit dem vielfältigen Lernstoff belasten. Es geht viel mehr darum, das Wichtige herauszufiltern und richtig ein zu setzen.

Einige Kenner der Szene möchten gerne von einer „urbanen Jugend“ sprechen. Ich meine, dass das in unserer Gesellschaft in Westeuropa nicht so ist.

Vorherrschend ist ein Individualismus gepaart mit einer Spontaneität, die sich mehr für Projekte interessiert und sich nicht zur Loyalität mit einer Firma, einer Kirche, einem Verein oder einer Gruppe verpflichten lässt. Die Z-Generation wurde schon die "maybe"- Generation genannt. Es entspricht dem Zeitgeist, sich heute so und morgen anders zu entscheiden.

Die Einstellung zu einer Aufgabe oder zum Beruf ist stark davon geprägt, ob der Einsatz auch für einen selber etwas bringt. Wenn Ja, kann auch eine hohe Leistungsbereitschaft erwartet werden.

Sie wollen die Welt verändern. Sozialausgerichtete Unternehmungen sind populär. Jedoch werden Beruf und die private Freizeit völlig voneinander getrennt und der Beruf kommt nicht immer zuerst. Es gibt weniger feste Freundschaften, jedoch fällt es nicht sehr schwer, über soziale Plattformen auf dem Internet grosse und kleine emotionale Erfahrungen aus zu tauschen.

 

Wenn diese Generation Z beschrieben wird, als könnte man sie erfassen, dann entspricht das gerade nicht ihrem eigenen Lebensgefühl. Jede und jeder ist ein Mensch für sich. Man kann sie nicht über einen Kamm scheren. Es gilt jede und jeden differenziert wahr zu nehmen.

Mich interessiert eher der einzelne Mensch und nicht die Altersgruppe. Ich will die Entwicklung der vergangenen Jahre zur Kenntnis zu nehmen, um nicht an alten Bildern hängen zu bleiben. So erkenne ich, dass der Idealismus der Baby Boomers einem Skeptizismus der Generation X Platz machen musste. Die Generation Y tendierte dann eher wieder zu einem Optimismus mit wachsendem Gemeinschaftssinn, und die Generation Z scheint neu einem Realismus mit sehr individualistischen Vorstellungen und Wünschen zu huldigen.

 

Kurzum: Ich habe diesen Blog geschrieben, um einzuordnen, was ich über die ‚Kinder des digitalen Zeitalters’ in Erfahrung gebracht habe. Ich bin nicht in dieser digitalen Umgebung gross geworden. Ich fühle mich darin eher wie ein Immigrant.

 

Heinrich Bolleter

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Christian Leadership serving a Nation

International Leadership Forum in Skopje, Macedonia

 February 26, 2014

At the Boris Trajkovski International Foundation.

 “The Faith of the Leader who serves the Nation”. _________________________________________________

 

Introduction

There were several occasions, when I met Boris Trajkovski , the President of the State of Macedonia, in the VIP lounge at Zurich Airport. These short meetings were more than simply an act of friendship. The President wanted to pray with the Bishop of his Church for the journey and for the people he was going to meet on his official visit.

I am starting with this witness, because it tells us more than many words about the faith of a leader. It reminds us, that Christian leadership is based on prayer.

The starting point for the agenda of a day is not the list of subjects and problems and meetings the day has in store for us. The checklist of the day is prepared and under girded by prayer.

For many leaders, the list of the daily priority is: 1. Work, 2. Relationships,

3. Spirituality.

We all have to learn again and again, that Spirituality comes first.

 

Let me now highlight the following:

The faith of the leader is the base for a Christian concept of values and human quality. Crucial values are:

1.   The “common good”

2.   Human dignity and respect

3.   Pathways to peace

I asked many of my friends the following question:

What view of humanity does a contemporary European Leader hold?

When I ask this question I discover great uncertainty. But then they are explaining to me, that modern women and men no longer orient themselves by overarching systems of meaning, their view is “patchwork-like” and practical: they say today this and to morrow that, they say, what the people would like to hear, and what secures their re-election to the leadership role. It seems, that they are not really interested in basic values or views of humanity. They care about the fast changing hotspots in the society pushed by the media. They are striving for their political survival and the conservation of power.

In contrary to what we recognize around us, the Judeo-Christian Heritage is based on a concept of values and human quality. It is always concerned for the  “common good”. It is not the time in my short contribution to preach now, but let me simply refer to the so called “Golden Rule” Jesus gave his disciples: (Matthew 7:12) “In everything do to others as you would have them do to you, for this is the law and the prophets”. Our orientation towards Jesus leads us to the ancient human quality of the common good. A leader of faith is seeking the common good.

In our society we need models how we do restore the basic principle of the common good.  We need leaders who do not measure their success by what they can profit for themselves, their families, their friends, their party, and their ethnicity…

We need leaders who care for the others, those who are not loved and esteemed, who are not our friends, who are marginalized, who are poor, who are the others. Jesus was even asking his disciples to love their enemies! The common good is what serves the development of a society as a whole.

 

2. The second value, which is crucial for Christian Leadership in the modern society, is human dignity or respect for one another. The Judeo-Christian Heritage teaches us about the uniqueness of every person. If we lose this perspective, that every human being is created and loved by God we are stumbling into an Erosion of the human dignity. The Bible even talks about God’s becoming human pointing to Jesus of Nazareth. The Early Church Father Athanasius said: “Jesus has become like we are, so that we might become like him.” It is an ongoing learning process to become more human, more like Jesus. And it is never to late for a new beginning. The catalizers in this process are faith, hope and love.

The second value that is crucial for Christian Leadership in the modern society is human dignity or respect for one another.

 

3. And finally the third crucial aspect for a leadership based on faith is the readiness to search and to go the Pathways to Peace.

The factual matters of public life are many-layered and complex. And if we are striving for the common good, we are dependent upon dialogue and a meaningful participation in thinking and talking about helpful and sustainable solutions. This assumes a very high level of competence.

So far, so good; but what, if the dialogue is only driving into strong separate standpoints and into an absolutization of the different views of the matter?

A Christian leader as a follower of Jesus, the Prince of Peace, is always stretching out his hand to build stronger relationships for peace and justice in this world we share. We do have the experience, that fraternal relationship and friendships across the boundaries are indeed a foundation and pathway to peace.

The pathways of peace are related to a pattern of life that reflects human participation in God’s love for all creation. A Christian leader is committed to pray for peace, to teach the generations about peace and to practice peace.

Together we commit to strive for the common good, to protect the human dignity of all and to practice justice and peace in the communities and societies.

Together we learn to see humanity through Christ. Or, as Dostoevsky said: To love someone means seeing him the way God intended him to be.

 

Heinrich Bolleter, Bishop of the United Methodist Church in Central and Southern Europe, retired since 2006. 

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Der 26. Februar 2004 in Mazedonien ein Trauertag

 

 

Mazedonien am 26. Februar 2004

 

Es sind nun 10 Jahre her seit dem tragischen Tod von Boris Trajkovski,  damaliger Präsident der Republik Mazedonien. Er war unterwegs zu einer Konferenz in Sarajevo, als die Präsidenten-Maschine im unwirtlichen Bergland in Bosnien abstürzte. Die nachträglichen Untersuchungen über diesen Absturz brachten kein Licht in den tragischen Unfall. Das förderte viele Spekulationen über einen Anschlag auf den Präsidenten. Dieser setzte sich für ein friedliches Zusammenstehen der Nationen im Balkan und einen raschen Anschluss an die EU ein, was nicht allen Mächtigen gefallen konnte.

Es war ein großer Verlust für das ganze Mazedonische Volk, das in dem noch jungen Boris Trajkovski einen Präsidenten sah, der auch die verschiedenen Ethnien in Mazedonien zusammenführen und zusammenhalten konnte. Leider dauerte seine Präsidentschaft nur fünf Jahre. Das Staatbegräbnis vom 5. März 2004 wurde am Fernsehen übertragen. Zehntausende ließen es sich jedoch nicht nehmen, den Trauerzug zum Friedhof in Skopje persönlich zu begleiten.

 

Der Staatspräsident war gleichzeitig auch Laienprediger der Evangelisch-methodistischen Kirche in Mazedonien. So wurde im traditionell orthodoxen Land die Beerdigung von Bischof Heinrich Bolleter, Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche von Mittel- und Südeuropa geleitet.

 

Zwei Jahre vor dem tragischen Ende wurde dem Präsidenten Boris Trajkovski in Oslo der Friedenpreis des Weltrates Methodistischer Kirchen überreicht. Damals war Trajkovski auch noch der Vorsitzende des Rates der Evangelisch-methodistischen Kirche in seinem Heimatland. Er wurde für seine Rolle als Friedensstifter in Südosteuropa ausgezeichnet. Auf dem Weg Mazedoniens aus der ehemaligen Republik Jugoslawien in die Autonomie wirkte Trajkovski stabilisierend und hatte damit einen drohenden Bürgerkrieg im eigenen Land abgewendet. In den Spannungen während der Kosovo-Krise kamen gegen 300.000 Flüchtlinge über die Grenze nach Mazedonien. Das war für den kleinen und noch jungen Staat eine große Herausforderung. 17 Monate nach Erhalt des Friedenspreises, starb Trajkovski beim tragischen Flugzeugabsturz in Bosnien. Er hat uns ein Vermächtnis hinterlassen als Mann des Friedens und als engagierter protestantischer Christ.  hb

 

 

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Die Angst als politisches Kalkül

Die Angst als Antrieb der Politik 

Das Spiel mit der Angst wird zurzeit von  den Politikern aller Couleur im Diskurs um politische Themen missbraucht. Sie fördern eine Zivilisation der Angst. Diese geförderte diffuse kollektive Angst führt die Gesellschaft  in eine neurotische  Grundhaltung, welche auch aufklärungsresistent wird.

 

Die Schweizerische Volkspartei versteht es, dieses Spiel mit der Angst mit allen Registern zu betreiben und die anderen Parteien sowie die Wirtschaft im Gegenzug greifen zu denselben Methoden im politischen Diskurs. Ob sich unsere Politiker bewusst sind, dass wir wie im Film der 50er Jahre einmal alle den „Salaire de la Peur“, den Lohn der Angst bezahlen müssen?

Wer sich in die Spirale der Angstmacherei und der Angst treiben lässt, wird aufklärungsresistent.  Der Lohn der Angst ist ein aufklärungsresistentes Volk. Vieles wird sich nicht mehr zurecht biegen lassen, auch nicht durch Sach-Argumente.

 

Nach dem Abstimmungssonntag (gegen die  Masseneinwanderung) hat eigentlich niemand gewonnen. Wir stehen vor einer gespaltenen Schweiz. Der knappe Volksentscheid ist zu respektieren. Die Umsetzung muss von der weiteren Verbreitung diffuser Ängste Abstand nehmen. Aber es wird im herrschenden Milieu schwer sein, mit sachlichen Lösungsvorschlägen  zu überzeugen.

 

Für den Weg in die Zukunft braucht es vor allem eine Neuorientierung in unserer Parteienlandschaft. Sind die Beteiligten überhaupt noch willens und fähig lösungsorientierte Kompromisse zu finden und das parteipolitische Machtgeplänkel, das von der Stimmungsmache lebt, ab zu legen? Alle sagen doch, dass es um die Zukunft der Schweiz gehe...

 

Der politische Diskurs der Angst geht von der individuellen Schwäche aus und transformiert sie zu einer kollektiven Macht. Das eigentliche Ziel ist der Aufbau einer Machtposition. Solche Vorgänge sind einer Demokratie nicht würdig. Dieses Kalkül der Angst ist deshalb auf zu decken und zu entmythologisieren. Ich wünsche mir, dass wir von einer Politik der Emotionen zu einer neuen Sachpolitik finden.

 

Heinrich Bolleter

 

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A Church which Goes Forth

The first Apostolic Exhortation of the Holy Father Francis

being projected into the dilemmas of the UMC:

 

„A Church, which goes forth“

 

The Church’s closeness to Jesus is part of a common journey; “communion and mission are profoundly interconnected”. In fidelity to the example of the Master, it is vitally important for the Church today to go forth and preach the Gospel to all: to all places, on all occasions, without hesitation, reluctance or fear. The joy of the Gospel is for all people: no one can be excluded. That is what the angel proclaimed to the shepherds in Bethlehem: “Be not afraid; for behold, I bring you good news of a great joy which will come to all the people" (Luke 2:10). The Book of Revelation speaks of “an eternal Gospel to proclaim to those who dwell on earth, to every nation and tongue and tribe and people" (Rev 14:6).

The Church which “goes forth” is a community of missionary disciples who take the first step, who are involved and supportive, who bear fruit and rejoice. An evangelizing community knows that the Lord has taken the initiative, he has loved us first (cf. 1 John 4:19), and therefore we can move forward, boldly take the initiative, go out to others, seek those who have fallen away, stand at the crossroads and welcome the outcast. Such a community has an endless desire to show mercy, the fruit of its own experience of the power of the Father’s infinite mercy. Let us try a little harder to take the first step and to become involved. Jesus washed the feet of his disciples. The Lord gets involved and he involves his own, as he kneels to wash their feet. He tells his disciples: “You will be blessed if you do this” (John 13:17). An evangelizing community gets involved by word and deed in people’s daily lives; it bridges distances, it is willing to abase itself if necessary, and it embraces human life, touching the suffering flesh of Christ in others. Evangelizers thus take on the “smell of the sheep” and the sheep are willing to hear their voice. An evangelizing community is also supportive, standing by people at every step of the way, no matter how difficult or lengthy this may prove to be. It is familiar with patient expectation and apostolic endurance. Evangelization consists mostly of patience and disregard for constraints of time. Faithful to the Lord’s gift, it also bears fruit. An evangelizing community is always concerned with fruit, because the Lord wants her to be fruitful. It cares for the grain and does not grow impatient at the weeds. The sower, when he sees weeds sprouting among the grain does not grumble or overreact. He or she finds a way to let the word take flesh in a particular situation and bear fruits of new life, however imperfect or incomplete these may appear. The disciple is ready to put his or her whole life on the line, even to accepting martyrdom, in bearing witness to Jesus Christ, yet the goal is not to make enemies but to see God’s word accepted and its capacity for liberation and renewal revealed. Finally an evangelizing community is filled with joy; it knows how to rejoice always. It celebrates at every small victory, every step forward in the work of evangelization. Evangelization with joy becomes beauty in the liturgy, as part of our daily concern to spread goodness. The Church evangelizes and is herself evangelized through the beauty of the liturgy, which is both a celebration of the task of evangelization and the source of her renewed self-giving.

 

This quote from the Apostolic Exhortation “Evangelii Gaudium” is very close, to what we as United Methodists would say about the Church.

From the beginning of his ministry, the Pope was showing by his lifestyle that he is a messenger of change. He speaks about the Church as being driven too much by its survival instinct and has to find a renewed approach to self-denial and self-giving. The Church needs a missionary transformation.

He is underlining the Churche's option for the poor and the marginalized. That is how he interprets the life of Jesus as the heart of the Gospel.

For United Methodists this does not sound revolutionary. But we have to confess, that we struggle also with the difference between ‘knowing the way’ and ‘walking the way’. We are in similar ways convinced, that we cannot continue to speak about the challenges of today’s world without a strong will to go forth as a Church.

The Holy Father speaks in a programmatic way:

I have chosen to present some guidelines, which can encourage and guide the whole Church in a new phase of evangelization, one marked by enthusiasm and vitality. In this context, and on the basis of the teaching of the Dogmatic Constitution Lumen Gentium, I have decided, among other themes, to discuss at length the following questions:

a) the reform of the Church in her missionary outreach


b) the temptations faced by pastoral workers


c) the Church, understood as the entire People of God which evangelizes

d) the homily and its preparation

e) the inclusion of the poor in society

f) peace and dialogue within society

g) the spiritual motivations for mission.

I have dealt extensively with these topics, with a detail which some may find excessive. But I have done so, not with the intention of providing an exhaustive treatise but simply as a way of showing their important practical implications for the Church’s mission today.

 

The Pope is not writing in the old style of the pluralis majestatis, he is showing a very personal style „I have done so...I have the intention”... His words have the potential to reach the people of God, from the Cardinals to the Laity.

It is not all new. He is referring to the Results of the Second Vatican Council. After 50 years he is working towards a realization of the pathways the Second Vatican Council was leading to.

One thing is striking me strongly as a United Methodist Bishop and a Bishop in a Church, which is struggling with the reality of becoming and being a Global Church:

The Pope is writing openly about „a sound decentralization“! The Bishops and the regional councils of Bishops should have a broader spectrum of power and decision-making in order to respond to challenges of the world and the differences of culture in North and South, as well as in urban and rural cultures.

Our center in the UMC is not Rome, but the General Conference and the process and understanding of legislation.

We also need more ‘decentralization’ in order to respond to the challenges in the different cultures. In the ecumenical field, we have been learning slowly but steadily, that different global regions and different cultivations of Christian Faith need different ways to respond to the developments and challenges of the society.

But it is clear that the regional conferences could respond more effectively to the many issues, which surround us. The framework of legislation does not uphold the Unity of the Church. The Unity dwells in Christ and his call to mission.

Our political processes around legislation are leading to divisions and separate those, who are within the framework from those, who are not.

The Office of Christian Unity and Interreligious Relationships of the Council of Bishops of the United Methodist Church (OCUIR) has not only a task to help the UMC to develop sound ecumenical relationships with other denominations and helpful dialogues with other religious communions, but also to ferment and develop the understanding inside our denomination, how we can deal with differences and stay together in Christ’s mission.

 

The Pope does not  believe that the papal magisterium should be expected to offer a definitive or complete word on every question, which affects the Church and the world. It is not advisable for the Pope to take the place of local Bishops in the discernment of every issue, which arises in their territory. In this sense, I am conscious of the need to promote a sound “decentralization”.

By this he will disappoint those who are expecting every decision and a final solution from Rom. But he is convinced, that the Church in permanent transition for mission has to be creative and open and must not defend itself behind monastic walls. Each Christian and every community must discern the path that the Lord points out, but all of us are asked to obey his call to go forth from our own comfort zone in order to reach all the “peripheries” in need of the light of the Gospel.

 

Traditional Roman Catholic believers will have to learn a lot about the ‚Church going forth’ as the holy father is describing it.

We will check the fruits of this opening: Will the Church allow in certain contexts, for example that women may be ordained as priests? It does not seem, that the transitions will perform in high speed, but ways for transitions are in preparation. And if the Pope himself is not able to change things in a revolutionary way, he is now picking up the decisions of the Second Vatican Council and is setting landmarks for change in “Evangelii Gaudium”. This gives us hope for upcoming transitions.

 

Heinrich Bolleter                                                  November 29, 2013

A German Version may be downloaded under Lectures (next page).

Deutsche Version auf dieser Web-Seite unter "Predigten&Referate" 

 

 

 

 

 

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Über die Vergänglichkeit

 

Wir sind ‚Zeitlinge’, wir leben auf Zeit. Diese Tatsache bestimmt unser Verhältnis zu den Fragen von Leben und Tod. Einerseits leben wir in einer Kultur, welche den Tod verdrängt, denn wir suchen vor allem dem Leben mehr ab zu gewinnen. Das ist jedoch nur eine Facette unseres Verhältnisses zum Sterben und zum Tod. Wir werden andererseits täglich mit Meldungen konfrontiert, welche vom Sterben und auch vom gewaltsamen Tod unzähliger Menschen berichten. „Media vita in morte sumus.“ Diese Worte aus dem 11. Jahrhundert bestätigen, dass wir ‚Zeitlinge’ sind. Es geht dabei nicht um die Frage was nach dem Tode kommt, sondern darum, wie wir leben können oder doch leben sollen, wenn am Ende der Tod das Leben im hier und jetzt beschließt.

Unlängst hat die öffentlichkeitswirksame Inszenierung des Theologen Hans Küng die Debatte über die „ars vivendi et moriendi“ neu entfacht. Der Kirchenkritiker, der an Parkinson leidet, machte publik, dass er ‚lebenssatt’ sei. Er wolle ‚nicht verenden, sondern sein Leben vollenden’. Gegenüber der «Solothurner Zeitung» betonte Küng, es gebe in der Bibel kein Argument dagegen, dass sich jemand unter Umständen selber das Leben nehme – oder besser gesagt: sein Leben Gott zurückgebe. Mit dieser Aussage sorgt Küng (85)  auch im hohen Alter für Aufregung. 

Ich will nicht auf  die Debatte um die Sterbehilfe einschwenken. Es geht mir hier um unsere Einstellung als ‚Zeitlinge’ zur Vergänglichkeit. Vom Schweizer Dichter und Pfarrer Kurt Marti ist im Jahr 2011 eine kleine Sammlung von ‚Spätsätzen’ erschienen, überschrieben mit dem herausfordernden Titel: ‚Heilige Vergänglichkeit’. Hier zwei Zitate aus besagtem Büchlein: „Heilige Vergänglichkeit. Sie ist vom Schöpfer gewollt und deshalb heilige Vergänglichkeit“, und „Mich ängstet das Sterben bei noch lebendigem Leib,  und nicht der Tod. Dieser wird, Gott sei Dank, das Sterben beenden.“ (Kurt Marti, Heilige Vergänglichkeit, Spätsätze, im Radius Verlag, 2011).

 

Ich frage mich: Wie hast Du’s mit der Vergänglichkeit? Jeden Tag erlebe ich das Werden, Sein und Vergehen in der Natur. Aber auch in den Beziehungen erlebe ich sowohl die Schmerzen als auch die Befreiung der Vergänglichkeit.

In meinem Leben habe ich die Vergänglichkeit der Leitbilder, Konzepte und Gedanken erfahren. Nur meine eigene Vergänglichkeit verdrängte ich solange, bis mir mein Bild  im Spiegel die untrüglichen Zeichen meiner Hinfälligkeit offenbarte.

Gott hat das Werden, Sein und Vergehen in den Lauf dieser Welt gelegt. So ist auch die Vergänglichkeit etwas, das zu meiner Existenz gehört. Wenn ich das nicht akzeptieren will, muss ich die Augen vor vielem verschliessen bis es endlich unübersehbar wird, wie der Zahn der Zeit auch an mir nagt.

Wenn Vergänglichkeit zu meinem Leben gehört, dann möchte ich sie auch mit einem Lächeln begrüssen können: So da bist du also wieder — mein ständiger Begleiter. Dabei will ich nicht ein Stockholm-Syndrom aufbauen, jenes Phänomen also, bei dem das Opfer ein positives emotionales Verhältnis zu seinem Geiselnehmer aufbaut. Im hier und jetzt will ich lernen, was es heißt die ‚Heilige Vergänglichkeit’ zu akzeptieren und mit ihr zu leben, denn, wenn ich dieses Leben liebe, dann gehört die Vergänglichkeit dazu. So will ich im Werden, Sein und Vergehen den Respekt gegenüber dem Geheimnis des Lebens  und der Würde des Menschen bewahren.

Zum Geheimnis gehört die numinose, das bedeutet die zugleich Vertrauen erweckende und doch unbegreifliche, göttliche Verheißung: Siehe ich mache alles neu. Ich will mit diesem Ausblick jedoch nicht von der Frage ablenken, wie wir im hier und jetzt mit unserer Vergänglichkeit umgehen.

Heinrich Bolleter, Bischof im Ruhestand 

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Was kann aus Niš schon Gutes kommen?

Was kann aus Niš schon Gutes kommen?

Diese Stadt hatte viele berühmte Söhne hervorgebracht, unter ihnen der römische Kaiser Konstantin der Große (geb. ca. 272) sowie Constantius III, der weströmische Kaiser.

 

313, also genau vor 1700 Jahren wurde im römischen Reich „Religionsfreiheit“ verkündet. Das „Edikt von Mailand“ erlaubte jedem, die Religion seiner Wahl frei und öffentlich aus zu üben. In dieser Vereinbarung wiederholten und bestätigten der Kaiser Konstantin und Kaiser Licinius das Toleranzedikt von Nikomedia (dem heutigen Izmit) und weiteten dieses auf jede Religion aus!

 

1700 Jahre sind eine lange Zeit, und heute wird kaum jemand die Stadt Niš als frühe Wegbereiterin religiöser Toleranz erkennen und rühmen. Die Geschichte der Stadt überdeckt die Spuren früherer Großmütigkeit mit dem oft blutigen Kampf der Völker im Balkan.

 

Die Römer eroberten 75 vor Christus die Stadt im Moravatal, welche damals den Namen ‚Navissos’ trug. Sie bauten dort eine der wichtigsten römischen Festungen auf dem Balkan.

615 wurde die Stadt von den Slawen erobert und erhielt den heutigen Namen Niš. 1185 wurde sie vom serbischen Fürsten Stefan Nemanja zur Hauptstadt des serbischen Reiches erklärt. Von 1459 bis 1878, während der osmanischen Herrschaft entstand die heutige Festungsarchitektur. Serbische Aufständische versuchten immer wieder die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen. Erst 1878 wurde Niš vom Fürstentum Serbien erobert und nach dem Berliner Kongress dem unabhängigen Fürstentum Serbien zugesprochen. Damals begann die Vertreibung der bulgarisch- und albanischstämmigen Teile der Bevölkerung.

 

Niš ist bis heute ein Knotenpunkt im Südosten Serbiens, wo sich die Wege nach Bulgarien und Mazedonien teilen.

Die Stadt wurde durch die NATO – Bombenangriffe sehr schwer getroffen und steht heute als dritt-größte Stadt Serbiens im Schatten der Hauptstadt Belgrad.

 

Was kann aus Niš schon Gutes kommen? Es gab eine Zeit, da hatte sie einen berühmten Sohn hervorgebracht, welcher eine Wegmarke für die Geschichte religiöser Toleranz und für die Religionsfreiheit setzte —  aber wer weiß das heute noch?

 

Bis zum 8. September 2013 wird im National Museum in Belgrad eine Ausstellung über Konstantin den Grossen und das Edikt von Mailand gezeigt.

 

Heinrich Bolleter

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Gleiche Rechte für homosexuelle Paare?

Die Diskussion zu dieser Frage ist allgegenwärtig. In Frankreich wurde unter dem Slogan „Mariage pour tous“ ein Gesetz für die Gleichstellung homosexueller Paare im traditionellen Ehe – und Familienrecht verabschiedet. Das hat in christlichen und konservativen Kreisen eine große und bis heute andauernde Welle von Protesten ausgelöst. In den USA hat das Bundesgericht die Gesetzgebungen in einzelnen Staaten als verfassungswidrig erklärt; diese hielten fest, dass eine „Ehe“ allein eine Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau sein könne. Durch diese Erklärung wurde zum Beispiel in Kalifornien die Homo-Ehe wieder legalisiert. Der amerikanische Präsident Barack Obama hat anlässlich seiner ersten Afrikareise in der senegalesischen Hauptstadt Dakar Gleichheit für Homosexuelle in Afrika gefordert. «Menschen sollten durch die Gesetze ungeachtet ihrer Religion, ihres Geschlechts und ihrer sexuellen Orientierung gleich behandelt werden», forderte Obama. Dabei ist in vielen Ländern Afrikas die Homosexualität immer noch ein Tabu. Es wird sogar eine Zunahme der Diskriminierung von Homosexuellen und Lesben beobachtet. In 38 Ländern südlich der Sahara gilt Homosexualität als Straftat.

In der Schweiz hat das Radio SRF kürzlich im Sendegefäß „Forum“ das Thema aufgenommen und gefragt, ob da ein Kulturkampf im Gange sei. Dabei wurde auch diskutiert, dass in der Schweizerischen Bundesverfassung Artikel 14 (Recht auf Ehe und Familie) die Ehe nicht wort-wörtlich als ein Bund zwischen Mann und Frau definiert wird. Es wurde vorausgesetzt — und in den Erklärungen zum Verfassungstext auch erläutert — dass es sich um eine Ehe zwischen einem Mann einer Frau handle. Vom Textbestand her (Artikel 14) bräuchte es demnach keine Verfassungsänderung, um die Homo-Ehe anzuerkennen. Im Zivilgesetzbuch müsste jedoch eine große Zahl der Paragraphen zum Familien- und Eherecht neu geschrieben werden. Es wurde in der Diskussion dieser Radiosendung sehr schnell deutlich, dass in Sachen Homo-Ehe viele Zuhörer Mühe bekundeten die Trennung von Kirche und Staat in dieser Angelegenheit zu akzeptieren. Das bürgerliche Recht muss sich nicht mit dem Kirchenrecht decken. Die Kirchen mögen ihren Bedeutungsverlust im Blick auf die Prägung der bürgerlichen Gesetze bedauern.

In der Schweiz ist staatliche Diskriminierung auf Grund sexueller Orientierung seit 2000 laut Bundesverfassung untersagt. Seit 2007 ist die Registrierung von homosexuellen Paaren möglich (Partnerschaftsgesetz). Die Statistik sagt, dass seither in der Schweiz mehr als 10'000 Frauen und Männer ihre Partnerschaft offiziell gemacht haben. Ihre Beziehung wird offiziell anerkannt und rechtlich in vielen, aber nicht in allen Bereichen der Ehe heterosexueller Paare gleichgestellt.
Das wird von Betroffenen als Diskriminierung empfunden. So schloss bisher das Partnerschaftsgesetz die Adoption durch eingetragene gleichgeschlechtliche Paare ausdrücklich aus. Nach dem Nationalrat hat nun auch der Ständerat eine Änderung des Adoptionsgesetzes gut geheißen. Die Adoption eines Kindes des gleichgeschlechtlichen Partners in einer eingetragenen Partnerschaft soll neu zugelassen werden. Der Bundesrat nimmt die Änderung an die Hand.

Auch in der Schweiz sehen konservative und kirchliche Kreise eine Bedrohung des traditionellen Familienbildes und eine Aufweichung der Institution der Ehe in der Weiterentwicklung des Partnerschaftsgesetzes und in der Anerkennung der Homo-Ehe.

Die Evangelisch-methodistische Kirche hat sich seit Jahren mit der Homosexuellenfrage und der Heirat von Lesben und Schwulen befasst. In der Kirchenordnung, welche weltweit für die Evangelisch-methodistische Kirche maßgebend ist, wird festgehalten, dass die Ehe ein Bund sei, der in der Treue zwischen einem Mann und einer Frau begründet sei.

Die Kirche hält fest, dass Menschen aufgrund von Rasse oder Hautfarbe, nationaler Herkunft, gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Stellung nicht diskriminiert werden dürfen. Alle sind eingeladen an ihren Gottesdiensten teil zu nehmen. Daneben steht aber seit 1972 der Satz in der Kirchenordnung, dass die Praxis der Homosexualität unvereinbar sei mit der christlichen Lehre. So können bekennende Homosexuelle und Lesben zum Beispiel nicht als Pfarrerinnen oder Pfarrer ordiniert werden, und die Kirche erlaubt keine Eheschließungen unter Schwulen und Lesben. Ein Pfarrer oder eine Pfarrerin wird unter Anklage gestellt, wenn sie eine Trauung eines homosexuellen Paares hält, auch in Ländern, wo der Staat die Homo-Ehe als legal erklärt hat.

Dem Buchstaben nach steht also die Evangelisch-methodistische Kirche ganz auf der konservativen Seite und ihrer Interpretation der biblischen Lehre. Unter den Delegierten an die Generalkonferenz (die verfassungsgebende Versammlung der Weltkirche) jedoch herrscht ein starkes Ringen um eine Öffnung vor. Mit der Opposition der Stimmen aus der südlichen Hemisphäre gegen eine Öffnung war aber bisher eine Änderung der Kirchenordnung nicht möglich.

Ein Kompromissvorschlag, der Freiraum schaffen wollte, formulierte, dass die Kirche in diesen Fragen keine einheitliche Überzeugung habe. Der Kompromiss wurde an der letzten Generalkonferenz verworfen. So ist die Kirche weiterhin unterwegs mit der konservativen Auffassung des Kirchenrechtes und auch mit dem Schmerz der Uneinigkeit in der Frage. Das erfordert Geduld, Gebet, und den steten Versuch, zusammen zu bleiben, trotz unterschiedlichen Auffassungen.

Ich bin überzeugt, dass die Kirche mit dem Wandel der bürgerlichen Gesetze und dem Wertewandel in der Gesellschaft von der gesellschaftliche Wirklichkeit nicht unberührt bleiben kann. Sie muss die neuen Formen von Familie und Partnerschaft in der Gesellschaft im Blick behalten und sorgfältig bedenken, wie sie ihnen entsprechen kann. Das ist eine wichtige Gestaltungsaufgabe für jede christliche Gemeinschaft. Der Ehebund wird biblisch-theologisch als eine „göttliche Stiftung“ verstanden. Ein geschichtlicher Überblick zeigt deutlich, dass dieser Bund sich in seiner Ausgestaltung stets auch der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bewusst werden und sich anpassen musste. Ehe, Familie, sexuelle Orientierung: eine Gemeinde oder Kirche, welche ihre Sendung in der Welt und für die Welt lebt, muss sich im unaufgeregten Gespräch damit auseinandersetzen können. Und auch divergierende Auffassungen ertragen können.

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Prolog zu meinem neuen Buch

Wir erzählen Geschichten, weil wir das Leben lieben.

 

„Gott liebt Geschichten, darum hat er den Menschen erschaffen.“ Elie Wiesel erinnert an diese Weisheit des chassidischen Judentums im Roman ‚Die Pforten des Waldes’ (München 1966). Geschichten bringen das Alltägliche mit dem Göttlichen in Verbindung. Das ‚Geschichten machen’ und ‚Geschichten erzählen’ gehörte schon im Alten Testament zum Menschen als Geschöpf Gottes. Die Geschichten der Chassidim, welche Martin Buber sammelte, zeigen etwas von seiner Sehnsucht nach mystischer Erfahrung, welche er mit religiös- philosophischen Gedanken nicht beschreiben konnte. Im Fluidum des Erzählens jedoch wird vermittelbar, dass Gott mit uns ist.

 

Von verschiedenen Freunden wurde ich aufgefordert, die Geschichte der Evangelisch-methodistischen Kirche von Mittel- und Südeuropa in der Wende und nach 1989 zu schreiben. Ich verweise jeweils auf die Bischofsbotschaften, in welchen ich in der aktiven Zeit als Bischof regelmäßig zu den Veränderungen und Umbrüchen das Wort ergriffen habe. Ich will keine historische Abhandlung über die Evangelisch-methodistische Kirche in der politischen Wende schreiben. Ich habe beschlossen, Geschichten zu schreiben und damit auf Zusammenhänge hinzuweisen, welche mit dem Sammeln von Daten allein nicht verfügbar werden. Es geht um Erfahrungen, welche sich im Rückblick anders lesen als eine akademische Abhandlung.

 

Die Sammlung der Geschichten folgt dem Leben mit allen Turbulenzen und Umbrüchen. Das Erzählen lässt Freiraum für fantasievolle Ergänzung, Unterstreichung und auch für Zeitsprünge. Dies nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch, um das Wesentliche der Erfahrungen hervor zu heben. Geschichten motivieren zur Selbsterkundung. Ich bin mir bewusst: Erzählen ist von der persönlichen Sicht und dem Zeitgeist nicht unabhängig. Es gibt keinen Menschen und keine Erzählerin ohne ‚Hinterland’. Im Erzählen schlägt dieses ‚Hinterland’ durch, wird offenkundig, und für den, der es will, auch analytisch verwertbar. Wer erzählt will Überraschung und Nachdenken auslösen. Diese Anregungen lassen sich kaum durch die bloße Darlegung von Fakten bewirken.

 

Zwar ist die Auseinandersetzung mit dem Zeitzeugen in der Geschichtsforschung nach 1989 ein etabliertes Phänomen geworden. Dennoch sollen Zeitzeugen als Geschichtsquelle nicht überschätzt werden. Was passiert, wenn die Zeitzeugen verschwinden? Wird ihre Geschichte weitererzählt? Wie sieht die Zukunft dieser Erinnerungen aus? Die kollektive Erinnerung erweist sich als schwach — auch in der Kirche. Ich muss feststellen, dass die Erinnerungen aus der Zeit der Wende von der Enkelgeneration kaum mehr wahrgenommen werden? Dabei anerkenne ich durchaus, dass die neue Generation vor eigenen Aufgaben und Herausforderungen steht.

 

Diese Erfahrung führt den Zeitzeugen einerseits in eine Katharsis. Sie hilft zu entscheiden, was wir loslassen können. Andererseits bleibt es die Rolle des Zeitzeugen, Empathie aus zu lösen, Mängel in der historischen Verarbeitung aufzuzeigen und sich Gehör zu verschaffen, für das, was Menschen erlebt und erlitten haben.

Im Zeitalter der Internet-Nutzung und der Internet Recherchen wird eine Fokussierung auf die Fakten gefördert. Der User findet, was er sucht — und kaum etwas daneben! Solche Recherchen sind dazu angetan, das Fluidum des Geschichten-Erzählens zu zerstören. Geschichten bleiben wichtig für die Identitätsbildung einer neuen Generation in Kirche und Gesellschaft. Ein Zeugnis ist getragen von Emotionalität, Humor, Sehnsucht, Romantik und vom Numinosen, das heißt von der göttlichen Gegenwart, welche Vertrauen erweckt und zugleich unbegreifbar bleibt.

 

Heinrich Bolleter, Bischof im Ruhestand

 

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Témoignage pour Dr. Emilio Castro (1927 - 2013)

“Dichosos los que trabajan por la paz,

porque Dios los llamará hijos suyos.”

(Mateo 5:9)

 

J’ai appris de ne jamais commencer une contribution par des excuses.

Mais dans ce contexte-ci j’ose de le faire.

Selon mon expérience nous, les méthodistes de l’hémisphère nord, avons parfois manqués l’occasion pour exprimer notre reconnaissance et montrer notre estime pour nos frères et soeurs venant de l'Amérique centrale et du Sud.

À mentionner: José Miguez Bonino, Philipp Potter, Emilio Castro, Julio de Santa Ana, Aldo Etchegoyen et plusieurs d’autres. Ils suivaient les traces de John Wesley en mettant l’accent sur le lien entre l'appel à la mission, l’évangélisation et l'engagement social de manière convaincante.

La conduite et la vision prophétiques de ces pasteurs et professeurs méthodistes ont encouragé nos églises à envisager les causes de la pauvreté et de s’engager pour la justice et la paix.

 

C’est au nom de mon successeur l’Évêque Dr, Patrick Streiff, retenu en ce moment par d'autres obligations, au nom de l’Église Évangélique Méthodiste Mondiale et au nom du Conseil Mondiale des Églises Méthodistes que je prends volontiers la parole ici devant vous. C'est un privilège pour moi de témoigner ainsi la reconnaissance de notre Eglise pour la vie d’Emilio Castro. Nos cœurs sont remplis de gratitude pour le témoignage de vie, qu’Emilio Castro nous a légué comme inspiration.

Emilio Castro, pasteur méthodiste et théologien, né en Uruguay, avait obtenu un doctorat de théologie à l’Université de Lausanne. Il travaillait avec la Conférence Chrétienne pour la Paix, initiée en 1958 par Josef Hromádka en Tchécoslovaquie. Il participait à la deuxième Assemblée Générale Chrétienne pour la Paix à Prague en 1964 et était devenu l’un de ses vice-présidents.

En 1973, il était appelé au poste de directeur de la Commission de Mission et de l’Évangélisation au Conseil Œcuménique. À l époque, je suivais comme jeune pasteur méthodiste ses sermons dans lesquels il unissait le feu pour l’évangélisation avec les exigences sociale et même politique. Il empreignait la vocation à la mission d’accents wesleyenne et méthodiste et aussi de la théologie de libération. Nous les méthodistes de la jeune génération, nous étions fièrs de lui comme représentant de notre dénomination.

En 1985 il était le premier latino-américain à la tête du Conseil Œcuménique des Églises à Genève. En 1992 il avait publié „A passion for unity“, une forte affirmation œcuménique.

Un méthodiste genevois m’a raconté, qu’ Emilio Castro se présentait comme discret et humble, mais toujours protagoniste de la foi Chrétienne et des Droits de l’homme et porte-parole vers un monde plus juste.

Dr. Steve Sidorak, le secrétaire général pour l’Unité Chrétienne et pour les Relations Interreligieuses au sein de l’Église Méthodiste Unie m’avait écrit:

„We have lost a great theologian and a great friend, a great leader and teacher in his public life and a gracious and kind individual by those who knew him personally“.

Au nom de la famille mondiale des méthodistes j’oserais dire: Nous avons perdu un prophete qui était parmi nous — Emilio Castro, pasteur méthodiste et théologien uruguayen, éminent œcuméniste de la seconde moitié du 20e siècle.

Nous n’oublierons jamais ses contributions pour associer la foi et la spiritualité chrétiennes à un engagement radical en faveur des pauvres dans le monde et en faveur des hommes et des femmes privés de leurs droits.

Il est décédé le 6 avril à Montevideo (Uruguay) à l'âge de 85 ans. La vie de notre frère se retrouve dans les legs de sa vision. Son souvenir restera gravé dans nos coeurs. Ce qu’il a semé germera.

Dans la lettre aux Galates, nous lisons : « Ce qui importe, c’est la foi qui agit par l’amour »(5,6).

Ensemble avec ses deux enfants et leur famille et avec nos frères et soeurs en Uruguay et partout dans le monde nous rendons grâce à Dieu pour cette vie prophétique et riche.

Culte officiel de reconnaissance pour la vie du pasteur Emilio Castro

Le vendredi 31 mai à 17 heures à la Chapelle du Centre oecuménique, 150, rte de Ferney, Grand-Saconnex.

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Heinrich Bolleter, Évêque en retraite,

 

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How shall I pay a tribute to the George W. Bush Presidential Center?

How shall I pay a tribute to the George W. Bush Presidential Center?

 

The Southern Methodist University (SMU) in Dallas Texas was founded in 1911 by the Methodist Episcopal Church South. Today the University is owned by the South Central Jurisdiction of the United Methodist Church. 12'000 students mostly conservative oriented are presently doing their studies at SMU, thereof 17 percent are Methodist.

 

In 2008 the University entered into an agreement to establish the George W. Bush Presidential Center (Library, Archive and Museum) on the campus. Connected to it is a private Policy Institute. The Library is one among eleven other Libraries of SMU but is rather dominant in the panoramic view of the main quadrangle.

 

For the dedication of the new Library George W. Bush invited all the former US Presidents and they arrived and celebrated with him: Jimmy Carter (88), Bill Clinton (66), and father Bush (88) as well as President Obama. The library and museum will be administered by the National Archives and Records Administration while the institute will be privately maintained.

 

There was a discussion in the United Methodist Church if the University should allow this project to be realized on their campus. The decision to do so was welcomed mostly by the conservative branches of Methodism, but also strongly criticized by the more liberal ones.

The Presidency of George W. Bush was for the international Methodist family often a burden and gave here and there a bad reputation to the brand of Methodism. So are f. e. the Methodists in Europe looking rather critically at the monument, which is now erected on the campus of SMU.

It was reported, that Bill Clinton said among friends: this Library may be the last example in the fights of former presidents to re-write their history.

 

hb

 

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Neuer Trend — Suche nach Gemeinschaft.

Noch erst waren es die Kirchen, welche in einer individualisierten Gesellschaft auf die Notwendigkeit von Gemeinschaft hingewiesen haben. Und das oft mit relativ geringem Erfolg.

Aus der angelsächsischen Welt kommt nun ein neuer Trend, welcher Gemeinschaft (community) gross schreibt. Es geht nach meiner Einschätzung zwar nicht um Nächstenliebe, sondern widereinmal um das "Haben". Wo wir es uns nicht mehr leisten können, Dinge selber zu besitzen, suchen wir Wege, mit "Sharing Modellen" uns eine Nutzungsdauer für Dinge zu kaufen. Was beim Car-Sharing funktioniert, muss doch auch mit anderen Dingen funktionieren. So sollen nun in der Nachbarchaft Gemeinschaften entstehen, wo man sich kurzzeitig Dinge zum Nutzen leiht. Mit der neuen Vernetzung durch das Smartphone und das Internet können so kurzlebige  Gemeinschaften entstehen. Ob sie sich über den technischen Nutzen hinaus auch zu neuen nachbarschaftlichen Gemeinschaften entwickeln, muss sich noch zeigen. 

Auch wie sich dieser Trend auf den Auftrag der Kirchen, Gemeinschaft durch Nächstenliebe zu fördern, auswirken kann, ist noch völlig offen.

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Wiedergutmachung muss mehr sein!

Verdingkinder, Heimkinder, administrativ Versorgte, Zwangssterilisierte und andere Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, wie auch Kinder der Landstrasse, sie sind zu einem Gedenkanlass für Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen eingeladen. Im Brief aus dem Departement von Bundesrätin Somaruga heisst es: „Bis im Jahr 1981 wurden in der Schweiz Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Viele Opfer haben dabei grosses Leid erfahren, das ihr Leben massgebend geprägt hat und noch bis heute prägt. Dieses dunkle Kapitel in der Geschichte unseres Landes soll nicht in Vergessenheit geraten. Es ist uns ein grosses Anliegen, Sie und Ihre Begleitung zu einem Gedenkanlass einzuladen, an dem Sie im Zentrum stehen. Wir möchten damit einen Beitrag zur Anerkennung der schwierigen Umstände, in welchen Sie aufgewachsen sind, leisten.“ Anerkennung ist ein wichtiger Schritt; aber von Wiedergutmachung redet kaum jemand.

Am 11. April findet dieser Anlass im Kulturcasino Bern um 15.00 Uhr statt.

Nähere Angaben zu dieser schmerzlichen Thematik finden sich auf http://www.

fuersorgerischezwangsmassnahmen.ch

 

Es ist nur billig und recht, wenn die Kirchen zugeben, dass sie in diesem Problemfeld sich kaum eingemischt oder gar komplizenhaft mitgewirkt haben. Ein Grund, diese Geschichte heute nicht zu verscheigen. 

 

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Buchbesprechung: Europa erfindet die Zigeuner

Buchbesprechung

Europa erfindet die Zigeuner — Eine Geschichte von Faszination und Verachtung.

 

An der Leipziger Buchmesse 2013 anlässlich der feierlichen Eröffnung im Gewandhaus hatte der Literaturwissenschafter Klaus-Michael Bogdal den «Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung» erhalten. Das Werk ist die Frucht langjähriger Arbeit. Die Idee, eine europäische Geschichte der Ausgrenzung der Romavölker zu schreiben (welche in der deutschen Sprache abwertend Zigeuner genannt werden), entstand auf dem Hintergrund eines neuen Anwachsens der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland begleitet von Gewalt, welche man aufgrund eines deutschen Geschichtsbewusstseins bewältigt glaubte. Konfrontiert mit der heutigen Realität und einer Verachtung, welche erneut in der Aussage gipfeln kann, Zigeuner seien zu vernichten, hält der Autor fest: „Der Furor der Verachtung und das Ausschalten menschlicher Empfindung... konnte ich so leicht nicht vergessen“.

Von der Einwanderung der Zigeuner vor sechshundert Jahren in Europa führt der Autor die Leser durch ein Wechselbad von Faszination und Verachtung bis zu der heute in Europa nahezu 12 Millionen umfassenden Volksgruppe. Tragisch ist das Resultat der Studienarbeit: bis heute bleibt die Bürgergesellschaft bei einer weit verbreiteten Diskriminierung und rassistischen Verachtung der Zigeuner.

Die Zwangsansiedlung in den sozialistischen Ländern ließ die Roma und Sintis nach der politischen Wende im Elend ihrer Dörfer wieder auftauchen. Im Umfeld der Migration aus den ehemals osteuropäischen Ländern in die reichen EU-Länder wächst ein neues Zerrbild der Romavölker, welches dem Völker verachtenden Bild in der Zeit des Nationalsozialismus sehr nahe kommt.

Die europäische Geschichte der Ausgrenzung macht uns auch mit einer kaum wahrgenommenen Erinnerungsliteratur der Sinti und Roma bekannt, in welcher von Überlebenden die Holocaust Erfahrung in Auschwitz und Ravensbrück beschrieben wird.

Mit diesem Werk kann jeder Leser und jede Leserin das nur bruchstückhafte Wissen über die Vergangenheit der Romavölker aufbessern und durch die 600 jährige Zeitreise ein neues Verständnis für die Lage der Romas in Europa erlangen. Es handelt sich ja nicht um eine kleine Gruppe von Menschen sondern um mehr als zehn Millionen, deren Existenz in Europa wir geflissentlich übersehen.

„Die Erfindung der Zigeuner in Europa“ zeigt eine Geschichte, auf die wir in Europa wenig stolz sein können. Eine Geschichte von versäumten Chancen und eines destruktiven Potentials, welches mit zum zivilisatorischen Prozess in Europa gehörte und noch gehört.

Wer sich mit dem Schicksal der Roma gestern und heute auseinandersetzen will, kommt an diesem Buch nicht mehr vorbei. Es wurde mit Recht in Leipzig ausgezeichnet mit dem ‚Buchpreis Europäischer Verständigung’.

                                                        Heinrich Bolleter

 

Klaus-Michael Bogdal:

Europa erfindet die Zigeuner — Eine Geschichte von Faszination und Verachtung.

Suhrkamp Verlag Berlin 2011. 590 Seiten.

 

 

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Von politischer Bildung und Respekt für die „Anderen“


Mit unserem Hang zur Aktualität und unserem Kurzzeitgedächtnis untergraben wir die politische Bildung.

Ich wollte schon lange einen Beitrag über die Dimension des Antiziganismus in Europa und in der Schweiz schreiben. Typischerweise ist jedoch dieses Projekt stets wieder von anderen aktuellen Beiträgen in den Hintergrund gedrängt worden. Nun notiere ich anlässlich des Holocoust-Gedenktages am 26. Januar 2013 doch einige Gedanken zum Thema. Das Ziel solcher Notizen ist mit den Worten von Bischöfin Rosemarie Wenner treffend umschrieben. Sie hielt im Zusammenhang mit dem Holocoust Gedenktag fest: „Wir wirken daran mit, dass Menschen einander respektvoll begegnen und wehren so Vorurteilen und Verallgemeinerungen gegenüber 'den Juden', 'den Roma' oder auch 'den Fremden'. So wird die Welt menschlicher, Gott, dem Freund des Lebens zur Ehre.“

 

Es gibt gegenwärtig in Europa und auch in der Schweiz einen Antiziganismus,

nicht nur in Denkmustern, sondern auch in ganz konkreten Diskriminierungen und Handlungen. Sinti und Roma werden noch immer

mit Diebstahl und Faulheit in Zusammenhang gebracht und die Ausgrenzung als Mittel eingesetzt, um sie loszuwerden. Kriminalität wird erklärt durch Zugehörigkeit zu einer Minderheit, seien es nun Migranten oder „Zigeuner“ .

Sinti und Roma werden bei uns durch Behörden und Lokalpolitiker diskriminiert. Zwar reden wir nicht darüber und zeigen lieber mit Fingern auf die ost- und südosteuropäischen Länder, wo durch die Emanzipation von der kommunistischen Vergangenheit ein neuer emanzipatorischer Nationalismus erwachte und damit den Antiziganismus seit den 90er Jahren neu förderte.

Antiziganismus ist, wie der Antisemitismus, nicht nur ein Problem

des rechten Randes. Er ist virulent auch in der gesellschaftlichen Mitte. Weil wir die Verbrechen an den Sinti und Roma in der Geschichte und der Gegenwart Europas weder wahrnehmen noch historisch aufarbeiten, breitet sich der Antiziganismus ungehindert aus.

 

In Europa soll es 12 Millionen „Zigeuner“ geben. Die wirklich fahrenden Familien sind aber nur eine kleine Minderheit davon. Die Mehrheit hat sich fest niedergelassen oder wurde auch dazu gezwungen. Sie lebt in den ost- und südosteuropäischen Ländern. Wir können nicht Lösungen finden, wenn wir nur versuchen die Romas von unserem Land fern zu halten.

Der Korrespondent der NZZ in Belgrad hat unlängst in einem Artikel festgehalten: „Für die Schweiz ist das Asylproblem mit serbischen Roma gelöst. Doch gegen die eigentliche Ursache der Misere ist damit nichts getan.“

„Der serbische Innenminister Ivica Dacic und der Direktor des Schweizer Bundesamtes für Migration Mario Gattiker wirkten entspannt, als sie in Belgrad Mitte Januar vor die Presse traten: Problem gelöst. Die Zahl der Antragsteller ohne eigentlichen Asylgrund aus Serbien, die in der Schweiz Aufnahme suchen, ist in kurzer Zeit auf fast einen Zehntel zurückgegangen. Dacic sagte klar, wem dies zu verdanken sei: den Schweizer Behörden. Sie hatten das Prüfungsverfahren beschleunigt und die so genannten Rückkehrhilfen abgeschafft.“ Über 80 Prozent der Asylsuchenden aus Serbien und Mazedonien seien Roma. Viele würden aus dem serbischen Presevo Tal nahe der mazedonischen Grenze kommen.

Wer beginnt über die Situation der Roma nachzudenken, entdeckt sehr bald, dass wir nur Lösungen finden in der Schweiz und in Europa, wenn wir miteinander kommunizieren und helfen die Lebensbedingungen und die Ausbildung der Romas an Ort und Stelle zu verbessern. Wenn man nicht kommuniziert, entstehen Vorurteile und Misstrauen. Die Ausgrenzung der Sinti und Roma ist nicht nur in den osteuropäischen Staaten vorhanden, sondern auch bei uns.

Diskriminierung ist stets auch eine Folge von Verdrängung und Schuldabwehr. Nur vom sozialen Problem zu reden, greift zu kurz. Wir müssen auch die Diskriminierungen und die Verfolgung über Generationen in unserer Geschichte im Blick haben. Antiziganismus ist stets auch eine Folge von Verdrängung und Schuldverweigerung. Wer hält das Bewusstsein wach, dass es auch ein Holocoust für die Romas gab? Wer in der Schweiz hält die Erinnerung an das Unrecht wach, welches man an den „Kindern der Landstrasse“ verübt hatte (ein halbstaatliches Projekt, durch welches man die Fahrenden ausrotten wollte, indem man die Familien auseinander riss und die Kinder den Familien entzog. 1926 bis 1972). Wer weiß, dass im Kosovokrieg die Sinti und Roma vertrieben wurden? Und Europa kaum einen Finger gerührt hatte, um sie neu anzusiedeln?

Politische Bildung hat sehr viel mit der Befähigung die Vergangenheit zu verstehen und auch die Schuld zu bewältigen zu tun. Dazu leistet der Holocoust Gedenktag einen kleinen Beitrag.

 

PS: Eine Dokumentation zum Antiziganismus in Europa wurde nach einem Symposium im Mai 2012 in Mannheim zusammengestellt:

http://www.roma-service.at/dromablog/?p=21473

 

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Machterhaltung oder lösungsorientiertes Engagement


 

Politiker sind Individualisten. Wer sie beobachtet freut sich über die Vielfalt der Charaktere, der Biografien und des aktuellen Engagements.

Ohne zu verallgemeinern kann der Beobachter der Szene der Schweizer Politik jedoch gewisse Verhaltensweisen als mehr oder weniger typisch festmachen. Die meisten Politikerinnen und Politiker agieren als Mitglied einer politischen Partei. Sie vertreten ausserdem mehr oder weniger transparent bestimmte Interessengruppen. Alle verstehen sich als „Volksvertreter“ und behaupten, dass sie nur das Beste für unser Land wollen.

 

Wer jedoch das politische Ränkespiel näher verfolgt wird den Verdacht nicht los, dass es sehr oft um die persönliche Machterhaltung oder die Machterhaltung der Partei geht und dass ein lösungsorientiertes Engagement in solchem Ränkespiel alle Durchschlagskraft verlieren kann.

Für den Machterhalt sind Parteien sogar bereit ihren ideologischen Wertehintergrund zu verleugnen. Wozu brauchen wir sie dann noch? Pragmatisch ausgerichtete und lösungsorientierte Weggenossen liessen sich mit den heutigen Möglichkeiten des Internets und der Sozialplattformen doch leicht finden.

Das Spiel um den Machterhalt kreiert einen blinden Fleck. Sehen die Verantwortungsträger das wachsende Misstrauen in der Zivilgesellschaft nicht gegenüber denen, welche diese vertreten sollten. Um Vertrauen zu schaffen, braucht es einen neuen Beweis der Fairness und der Kooperationsfähigkeit der politischen Kräfte zu einem lösungsorientierten Handeln. Wir wünschen uns mehr effiziente Brückenbauer und weniger laute, machtorientierte Politiker. Ich bin überzeugt, dass eine Mehrheit in unserem Lande und in Europa sich von dieser entarteten politischen Kultur angewidert abwendet. Die Erosion des Vertrauens in die Parteien könnte auch die Demokratie gefährden. Es steht noch nirgends geschrieben, wie unser Parlamentarismus ohne Parteien funktionieren könnte. Wir sollten es nicht soweit kommen lassen, dass wir wie in anderen Europäischen Ländern eine Expertenregierung einsetzen müssen, um zu vernünftigen Lösungen zu kommen.

Wir brauchen PolitikerInnen und Parteien, welche deutlich ihre eigenen Interessen dem Wohl der umfassenden Gemeinschaft nach zu ordnen wissen. „Suchet der Stadt Bestes!“ lautete die Aufforderung eines biblischen Propheten.

 

Ich weiss, dass dies höchst wahrscheinlich ein frommer Wunsch für das Jahr 2013 bleiben wird. Darum werde ich mich nicht wundern, wenn die Zerrüttung der gewachsenen Solidarwerke und die Schwächung der Sozialverträge weiter um sich greifen werden.

Lösungsorientierter und kooperativer müssten jene sein, welche sich anheischig machen das Geschick unseres Gemeinwesens ‚im Griff’ zu haben.

 

Heinrich Bolleter

 

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Aufgeregte Medien regen auf, aber verlieren an Sachlichkeit

Im gegenseitigen Konkurrenzdruck versuchen die Medien durch „Speed“ und Aufregung Schritt zu halten.

Sogar im Radio ist fest zu stellen, daß die Moderatoren immer schneller sprechen und doch nicht mehr zu sagen haben. Die Aufgeregtheit ihrer Sprache hofiert den Hörer und suggeriert höchste Aktualität. Ich habe die Nase voll von diesem Getue, das außerdem mit möglichst vielen Hörerkontakten verdeckt, daß keine gute, investigative Leistung erbracht wird.

Das Drehen an der Spirale der Aufregung sowie das Anfachen der Welle der Empörung führen zu oft zum nachträglichen Erwachen mit einem Berg von ungelösten Fragen. Wo die Wut-Bürger angefeuert werden, fehlt es allzu oft an einer tragenden Vision.

 

Viele Verlage suchen heute eine Synergie zwischen den Printmedien und den elektronischen Medien und dem Internet. Sie legen die Redaktionen zusammen (wie übrigens auch das Schweizer Radio mit dem Schweizer Fernsehen). So ist ein kopfloses Vermischen von Print-Journalismus mit dem Nachrichten-Journalismus entstanden. Wer den Zeitungen auf Twitter folgt, sieht sehr bald, daß der Druck auf Stunde und Minute zu reagieren, eine geduldige investigative Leistung verunmöglicht. Unter dem Druck, die Neugier des Augenblicks zu stillen, wird zumeist versucht, einen Fachreferenten mit ins Spiel zu bringen, der dann adhoc und mit professoralem Ton — jedoch nicht sehr tief schürfend — zum Problem spricht.

 

Ich habe, wie gesagt, die Nase voll von diesem aufgeregten Journalismus. Er verdeckt seine Schwäche, indem er wie ein Herrgott behauptet, alles zu wißen. Die Interviewerin, zum Beispiel, welche mit ihren Befragungen ihr sich vorgenommenes Ziel für das Gespräch gnadenlos anpeilt und dem Gesprächsteilnehmer gar nicht erst die Möglichkeit gibt, sich fundiert selber zu erklären, wirkt auf den Hörer oder die Leserin wie ein Herrgöttlein, das vorgibt, alles zu wißen. Die Spirale der Aufregung dreht sich immer schneller, hat jedoch kaum zu nachhaltigen Resultaten geführt, kaum Lösungen erzeugt, sondern nur neue Probleme geschaffen.

Fakten zu recherchieren braucht Zeit. Heute werden zu oft Tagesmeldungen abgeschrieben und ohne Mehrwert mit irgendeinem O-Ton vermengt. Solcher Journalismus ist das Abonnement nicht wert.

Ich möchte dafür plädieren, dass die Recherchen (Quellenmaterial, Beziehungen zu Informanten und Interessenvertretern) transparent gemacht werden, und sich die Exzellenz der Medien nicht mehr daran messen lassen sollen, ob sie mit dem Takt der News Schritt halten können. Es gilt mutig zu einem tiefer gründenden „Slow-Journalismus“ zu stehen und eine neue Sachlichkeit an Stelle der Aufgeregtheit treten zu lassen.

Ich warte darauf, dass die Medien in diesen Fragen selbstkritischer und transparenter werden.

 

Heinrich Bolleter

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Zusammenlegung von Kirchgemeinden... wie kann das gelingen?


Kirchenwachstum, so wurden wir noch gelehrt, erfolge am ehesten durch „Zellteilung“. Der kleinen Gruppe wurde zugetraut, sich missionarisch zu öffnen.

Neulich bin ich über einen Buchhinweis gestolpert. Das Buch beschreibt einen neuen Trend in den USA: es werden Gemeinden fusioniert. Die Gründe dazu seien sehr verschieden, aber der Erfolg sei nicht sehr ermutigend. Leider ist das Buch bisher nur in Englisch erschienen.

Gemeinden, welche zusammengeführt werden, beschäftigen sich zu oft mit Details, welche nicht zukunftsweisend sind. Wo im Namen einer „Überlebensstrategie“ fusioniert wird, liegt der Fokus meist auf den Fragen, wie können wir unsere besondere Identität erhalten, oder wie sichern wir uns den nötigen Einfluss nach der Zusammenlegung. Vielleicht auch: Welches Abendmahls-Geschirr wird in Zukunft verwendet? Wie bleiben die einst gespendeten Kirchenfenster oder die Orgel des zu verlassenden Gebäudes den Nachkommen erhalten? Wer aus wirtschaftlichen oder anderen Gründen des Überlebens Gemeinden zusammenführt, der verliert mehr als er gewinnt. Die Beteiligten werden sich auf einen möglichst schmerzlosen status quo einigen.

In ihrem Buch „Better Together: Making Church Mergers Work“ (Jossey-Bass, 2012), beobachten die Autoren Jim Tomberlin and Warren Bird die neue Welle der Zusammenführung von Kirchgemeinden in den USA. Seit 1990 haben diese Zusammenführungen von Gemeinden stets zugenommen. Zwei Prozent aller protestantischen Kirchen in den USA fusionieren jedes Jahr. Dabei sind es nicht nur schwache Gemeinden, welche durch eine Fusion überleben wollen. Es gibt auch grosse Gemeinden, welche wie die internationalen Grosskonzerne durch Fusion wachsen wollen. Ein Fünftel der Mega-Churches haben andere Gemeinde mehr oder weniger freundschaftlich „übernommen“, um ihren missionarischen Einfluss zu verbreitern.

Das Buch zeigt auf, dass missionarisch motivierte Fusionsprojekte erfolgreich sein können. Dazu die folgenden Fakten und Trends: Die Autoren sehen gute Chancen, wo mindestens einer der Partner missionarisch stark ist. Diese starke Gemeinde gibt der fusionierten Gemeinde ein gesundes DNA. Die schwächere Gemeinde wird fusionswillig, wenn die Schmerzgrenze des Überlebenskampfes erreicht ist. Wenn zwei gleichstarke Gemeinden fusionieren, müssen beide Seiten vorbereitet werden und auch willig sein, Risiken einzugehen und sich transformieren zu lassen. Ausserdem haben zusammengeführte Gemeinden mehr missionarische Chancen, wenn sie beide Lokalitäten behalten und sich nicht in die bequeme Fusion unter einem Dach ergeben. Es gibt jedoch Erfahrungen, wo durch die Zusammenführung die Mission gestärkt und die Ressourcen vermehrt wurden.

Mission ist der Schlüssel

Tomberlin and Bird halten daran fest, dass eine erfolgreiche Zusammenführung aufgrund einer starken, gemeinsamen, missionarischen Vision gelingen kann. Eine Fusion als pure Überlebensstrategie funktioniert nicht. Die Gemeinden müssen eine Überzeugung haben, dass sie gemeinsam besser nach aussen wirken können.

„Better Together“ ist lesenswert und anregend. Erkenntnisse sollen jedoch nicht rezeptartig in den eigenen Kontext übertragen werden. Es hat sich gezeigt: wenn Gemeinden zusammenrücken, braucht es eine missionarische Vision.

Ann A. Michel ist Co-Direktorin am Lewis Zentrum für ‚Church Leadership’. Sie hat das Buch positiv besprochen: Better Together by Jim Tomberlin and Warren Bird is in the Leadership Network Series published by Jossey-Bass 2010.

http://www.churchleadership.com/leadingideas/leaddocs/2012/121128_article.html

 

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Die Frage nach den bleibenden Werten

Die Frage nach den bleibenden Werten in einer auf Kurzlebigkeit getrimmten Gesellschaft. 

Noch vor etwa 20 Jahren konnte ich mich über die kurzlebigen Engagements und Verpflichtungen der Kirchen aus den USA wundern und aufregen. Partnerschaften mit den unterstützungsbedürftigen Schwesterkirchen in Mittel- und Osteuropa dauerten 1 bis 3 Jahre. Dann war das Interesse verflogen, und sie wendeten sich einem neuen Projekt in einer anderen Region dieser Welt zu. Ich sah den Charakter der Verbindlichkeit eines Engagements durch diese Kurzatmigkeit bedroht. Heute mache ich ähnliche Beobachtungen auch in der Schweiz und zwar quer durch die verschiedensten Institutionen hindurch, sowie auch im Blick auf die Loyalitäten der einzelnen Personen zu einer Idee oder Sache.

 

Wie können wir die Loyalität in einer eingegangenen Beziehung stärken, wenn in unsrem Umfeld es üblich ist, sich alle Optionen offen zu halten und bei auftretenden Fragen einfach auf die nächste Option zu setzen?

Wie können langfristige Ziele verfolgt werden, wenn wir in einer auf kurzfristige Erfolge getrimmten Gesellschaft leben? Wie können Loyalitäten oder Verpflichtungen eingehalten werden, wenn historisch gewachsene Institutionen sich in Auflösung befinden, weil sie an die Konzepte einer kurzfristig ausgerichteten Ökonomie glauben?

 

Diese neue Umwelt drängt uns zu Flexibilität und zu fortlaufenden autonomen Entscheidungen. Sie stärkt damit unsere Autonomie.

Wie steht es um die kulturpessimistische Kausalkette: Je mehr Freiheit, desto weniger Loyalität... desto mehr Konkurrenz... desto weniger soziale Einbindung... (nach Wilhelm Heitmeyer, Das Gewaltdilemma, Frankfurt /Main 1994)? Ich stelle sie in Frage. Ich will also nicht in Kulturpessimismus machen angesichts der beobachteten Entwicklung. Es liegt sowohl Gefahr als auch Chance darin.

 

Was gibt es Positives zu sagen zur Herausforderung der ungeduldigen und als ‚desintegrierend’ behaupteten Gesellschaft? Wie steht es um die Bindungen an Werte, an Institutionen und an Menschen in einer auf Kurzlebigkeit getrimmten, pluralistischen Gesellschaft?

1. Wir üben uns in neuen Prozessen der Anerkennung von unterschiedlichen Ausrichtungen und Interessenlagen, in Toleranz und Fairness. Dadurch wird das eigene Bewusstsein für Werte gestärkt. Wir stellen uns der Forderung, sich laufend neu zu orientieren oder auch ab zu grenzen.

2. Wir wissen klarer, woher unsere eigenen Werte und Überzeugungen kommen, und wir lernen Werte aus anderen Werte- und Glaubensystemen an zu erkennen.

3. Wir entwickeln ein neues Einfühlungsvermögen (Empathie) für das ‚Fremde’ und das ‚Andere’. Empathie, Loyalität und Verbindlichkeit beruhen nicht auf gleicher Verwurzelung, gleicher Bildung, gleicher Verinnerlichung oder Artikulation. Durch die grössere Nähe zu alternativen Lebensvorstellungen entdecken wir einen neuen Freiraum für unsere eigenen Entscheidungen.

Ein Zeichen für diese Entwicklung ist die Tatsache, dass Freiwilligen-Organisationen einen grösseren Zuspruch haben, als Institutionen, welche nach einer formalen Mitgliedschaft verlangen.

 

Damit soll jedoch nicht geleugnet werden, dass einzelne Menschen in dem Umfeld, das laufend neue Entscheidungen fordert, sich auch überfordert sehen. Der ständige Orientierungsnotstand kann zum Rückzug aus der ‚argen Welt’ führen — dies insbesondere bei religiösen Menschen, welche nie wirklich über ihre eigenen Werte und Wurzeln nachgedacht haben und sich vorwiegend an kopflastige dogmatische Lehrsätze halten. Eine neue Motivation zur Empathie kann Menschen dazu bringen, neue Anstrengungen des Verstehens zu unternehmen, und dabei auch neue Argumente zu finden, ihre eigenen Werte zu verändern oder zu verteidigen, und letztlich eine Befreiung, ihren Glauben überzeugt weiter zu geben.

 

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Ein Todesurteil in der Schweiz?

„Lucies Mörder wird lebenslang verwahrt.“ So stand es am 19, Oktober 2012 in den Zeitungen.

Seit bekannt werden dieses Morddeliktes und der Vorgeschichte des Mörders ist die Öffentlichkeit empört und ruft nach Vergeltung. Diese Reaktion ist verständlich. Ich teile die Gefühle der Abscheu, der Angst und der Ohnmacht. Die moralische Verwerflichkeit dieser Tat sowie die abgründige und als nicht therapierbar beurteilte Persönlichkeit des Täters rufen nicht nur nach einer lebenslänglichen Strafe, sondern auch nach einer lebenslänglichen Verwahrung. Diese Form der lebenslänglichen Verwahrung gibt es seit dem die Verwahrungsinitiative vom Volk angenommen wurde. Daniel H. ist der erste Fall, über dem nun vom Obergericht dieses Urteil ausgesprochen wurde. Das kommt einer psychischen und sozialen Todesstrafe gleich, ohne physische Vernichtung des Täters.

Die Schweiz hatte 1937 im Strafgesetzbuch auf die Todesstrafe verzichtet. Aber dieser neu verordnete „zivile Tod“ widerspricht genauso dem Gebot der Menschenwürde. Sollte das Urteil Signalwirkung für die Rechtssprechung in der Schweiz haben, so muss über diesen „zivilen Tod“ noch vertieft nachgedacht werden.

Nach dem Gesetz ist jemand lebenslänglich zu verwahren, wenn er „dauerhaft“ nicht therapierbar ist. Dieser Begriff soll nun noch vom Bundesgericht näher definiert werden. Das Obergericht befand, dass eine Nicht –Therapierbarkeit für die nächsten 15 bis 20 Jahre vorauszusagen sei.

Meine Gedanken zu diesem ersten Urteil seit der Verwahrungsinitiative sind nicht nur bewegt von der Tatsache, dass es nicht klar ist, ob die lebenslängliche Verwahrung der Europäischen Menschenrechtskonvention entspricht. Mein christliches Lebensethos sagt mir, dass ein Mensch sich nur entfalten oder weiterentwickeln kann, wenn ihm auch die Würde als Mensch und als Geschöpf zugesprochen wird. Wenn ich einem Menschen auch das letzte Quäntchen dieser Würde raube, nehme ich ihm auch die Chance einer Veränderung zum Guten.

Ich verleugne nicht, dass wir als soziale Gemeinschaft präventiv Handeln und eine Wiederholung solcher ungeheuerlichen Taten verhindern und die nötigen Sicherheitsschranken errichten müssen, aber das Urteil einer dauerhaften oder „lebenslangen“ Nicht-Therapierbarkeit kommt einer Kapitulation des Rechtsstaates im Blick auf den verfassungsmäßigen Schutz der Menschenwürde gleich. Die christliche Botschaft lädt uns ein, einen Menschen nicht auf zu geben, auch wenn wir ans Ende unserer Möglichkeiten gekommen sind. Einem Versager einen Neuanfang ab zu sprechen raubt ihm die Menschenwürde und macht ihn zum Tier.

Wer „lebenslang verwahrt“, will endlich zur Tagesordnung übergehen. Wer sich für die Menschenwürde einsetzt, kann nicht zur Tagesordnung übergehen. Das können auch jene nicht, welche den so tief Gefallenen im Strafvollzug begleiten müssen.

hb

 

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