Erfahrungen in der multikulturellen Gemeinde

 Eine «multikulturelle Gemeinde»: das klingt für viele eher nach einem exotischen Konstrukt. 

Ich habe die Realität der Gemeinden, welche multikulturell sind, schon vor 25 Jahren in meinem Dienst als Bischof von Mittel- und Südeuropa erlebt: zum Beispiel in der Voivodina (Serbien) gab es Gemeinden, in welchen Slovaken, Serben, Kroaten, Ukrainer und sogenannte Donauschwaben miteinander lebten. In Nordafrika gab es Gemeinden, in denen Kabylen, Franzosen und Schwarze, welche aus dem Süden von jenseits der Sahara zugewandert waren, zusammen lebten. 

Mit der neuen Migrationswelle in Europa sprechen wir auch von einer wachsenden Zahl von multikulturellen Gemeinden. Bei uns in Aarau haben wir viele Farben und Kulturen im Gottesdienst: Asiaten, Afrikaner und Schweizer. Parallel dazu hat sich eine Arabisch sprechende Gemeinde gebildet. Ich würde übertreiben, wenn ich sagte, dass diese Gemeinschaft unter einem Kirchendach ohne Spannungen abliefe. Wir lernen den richtigen Umgang miteinander. Erfahrungen von Respekt und Akzeptanz entstehen im lebendigen und nachhaltigen Austausch miteinander.

 

Wir haben in der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz zwei klassische Modelle:

1.     Das Integrationsmodell — die Miteinandergemeinde 

Das erste Modell strebt an, Anderssprachige in der lokalen Gemeinde zu integrieren, d.h. gemeinsam Kirche zu sein und zu gestalten mit den zugewanderten Personen und Gruppen. Das ist eine grosse Herausforderung nicht nur in den gemeinsamen Gottesdiensten, welche Übersetzungskapazitäten und den Willen zu einer grossen Bandbreite erfordern, sondern auch eine breit abgestützte Offenheit für zwischenmenschliche Kontakte und interkulturellen Erfahrungen. So kann ein «Wir-Gefühl» in einer multikulturellen Gemeinde entstehen. Die multikulturelle Gemeinde kann trotz sprachlichen Barrieren durch ihre grosse Kontaktfreudigkeit eine soziale Isolation der Zugewanderten vermeiden. Stefan Moll schreibt über die Erfahrungen in Baden: «Beziehungen und Freundschaften sind zentral. Zusammen kochen und essen ist eine wunderbare Ebene, um sich auf Augenhöhe zu begegnen. Wir beteiligen die Asylsuchenden auch an der Verantwortung für das Gemeindeleben.» (Kolumne in «mein TDS» 2018/30 Seite 14).

2.     Die Migrationsgemeinden 

Die Sprache ist nicht der einzige Grund für die Bildung einer separaten Migrationsgemeinde. Es ist ein tiefes Bedürfnis nach «Heimat» im fremden Land und in der fremden Kultur. Die Frage stellt sich, ob eine Migrationsgemeinde eine Gemeinde auf Zeit ist oder eine nachhaltige institutionelle Grösse? Man sagt, dass die Kinder der Zugewanderten eher dahin tendieren, Schweizer zu sein und sich den Gruppen aus der Schweizergemeinde anschliessen. Die dritte Generation der Zugewanderten besinnt sich dann eher wieder auf die Wurzeln im Ursprungsland. Migrationsgemeinden werden darum gerade auch von Angehörigen der dritten Migrationsgeneration besucht. Obwohl sich diese leicht in die multikulturelle «Schweizergemeinde» integrieren könnten. Die Migrationsgemeinde bleibt ein Raum der «Schonung», ein Refugium, wo man den Kulturschock abfedern kann. Die Migrationsgemeinde bleibt eine grosse Hilfe gegen die emotionale und soziale Isolation der Zugewanderten. Das Qualitätsmerkmal einer Migrationsgemeinde lautet: «hier sind wir wie eine Familie». Ich weise hin auf das Buch eines arabischen Freundes von Jörg Niederer, Usama Al-Shamani. Er erhielt den Förderpreis der Stadt Frauenfeld. Sein Buch trägt den Titel: "In der Fremde sprechen die Bäume arabisch". 

 

 

Multikulturelle Erfahrungen — biblische Vorbilder

 

Die Frage nach biblischen Vorbildern, führt uns zur Feststellung, dass Multikulturalität in der Kirche nicht eine moderne Erscheinung ist. Die Bibel ist voller multikultureller Erfahrungen.

Migration ist präsent in den Berichten des AT und des NT. Das hilft uns die heutigen Gemeinden mit neuen Augen sehen.

Was ich in Kirche und Gesellschaft gesehen habe, hat mich sensibilisiert im Alten und im Neuen Testament diese Texte neu zu lesen. Ich habe entdeckt, dass Gott die Menschen vielfach in interkulturelle Erfahrungen geführt hat, um sie dort im Leben wachsen und reifen zu lassen und in ihrem Dienst zu profilieren und zu stärken.

Gottes Ruf machte die Menschen in biblischen Zeiten zu Grenzgängern und Brückenbauern zwischen den Kulturen. 

 

Ich weise nun auf Beispiele hin, wie Gott Menschen über die eigenen Grenzen von Ethnie und Kultur führte, um sie zum Dienst zu zurüsten und zu berufen. 

 

            Moses, der von Gott beauftragte «Retter des Volkes Israel aus Ägypten» ist eine dramatische Illustration, wie Gott über die Grenzen der Kulturen wirkt. Moses ist als Hebräer geboren, wurde im Hofe des Pharao in Ägypten aufgezogen. Auf der Flucht im Lande Midian heiratete er eine Fremde, Zippora, die Tochter Jethros des Priesters von Midian.

Moses sprach mit einem Akzent. Er war ein Aussenseiter bei den Ägyptern und auch bei den Hebräern. Sein Ja zu Gottes Auftrag machte ihn zum Anführer auf der Flucht aus Ägypten. 

            Naomi und Ruth: Naomi und Elimelech emigrieren aus ihrer Heimat ins Land der Moabiter. Grund war eine Hungersnot. Ihr Mann und die beiden Söhne sterben. So bricht sie mit ihrer Schwiegertochter Ruth, eine Midianiterin, auf, um in das Land der Verheissung zurück zu kehren. Ruth wird durch die Heirat mit Boas Mutter und ein Glied im Stammbaum des Messias.

 

            Im NT ist es Jesus, der in der damaligen multikulturellen und durch Religion geteilten Welt die Grenzen von Religion und Kultur im Namen Gottes überschreitet. Er geht physisch über die Grenzen ins heidnische Gebiet und bricht damit ein Tabu der jüdischen Gemeinde. Er spricht zur Samariterin am Jakobs - Brunnen und durchbricht damit die soziale, kulturelle und religiöse Ordnung seiner Zeit. Dieses Verhalten als «Grenzgänger» war ein Markenzeichen seines Weges und Dienstes. Es könnten noch viele Beispiele zusammen getragen werden.

 

            In der Apostelgeschichtewird berichtet, wie sich die wachsende Zahl der christlichen Gemeinden damit auseinander setzen muss, ob sie ein Abbild der multikulturellen Gesellschaft (vor allem im urbanen Bereich) sein kann — oder sein soll. Juden und Griechen Sklaven und Freie, Männer und Frauen, Reiche und Arme, schlossen sich den christlichen Gemeinden an. Durch das Pfingstereignis und den Missionsauftrag wurden die Gemeinden in Jerusalem und Antiochien multi-ethnisch und mehrsprachig! Der Apostel Petrus bekennt: «Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht. Sondern Personen aus jedem Volk sind ihm angenehm, sofern sie ihn fürchten» (Apg. 10). Was ist also das Merkmal einer christlichen Gemeinde? Nicht Nationalität, nicht einheitliche Kultur oder gleiche soziale Stellung, sondern allein der Glaube an Jesus Christus ist das massgebende Band der Gemeinschaft.

 

Im Netz der Beziehungen zwischen Einheimischen und Fremden, zwischen den verschiedenen Ethnien und den kulturellen Ausdrucksformen suchen wir heute unsere Identität als multikulturelle Gemeinde in der Nachfolge Jesu. 

 

Offene Türen für multikulturelle Begegnungen

Multikulturalität war also schon im biblischen Zeitalter der Normalfall. Hier noch zwei Reminiszenzen:

Im Losungsbüchlein der Brüdergemeine war ein Gebet aus Afrika zu lesen: „Herr Jesus Christus, du wurdest von einer hebräischen Mutter geboren. Babylonische Weise huldigten dir. Du warst voll Freude über den Glauben einer syrischen Frau und eines römischen Hauptmanns. Dein Kreuz trug ein Afrikaner. Wir danken Dir, dass wir zu dir gehören dürfen. Hilf uns, Menschen aller Rassen und Völker als Miterben in dein Reich zu bringen.“ Eine lebendige Gemeinschaft, welche diesem Jesus nachfolgt, muss offene Türen haben für alle. So hält es auch der Artikel 4 der Verfassung unserer Kirche fest. „Alle, ohne Rücksicht auf Rasse, Farbe, nationale Herkunft, Status und wirtschaftliche Stellung sollen am kirchlichen Leben teilnehmen und die Sakramente empfangen.“

Übrigens: Unter den Migranten und den Menschen am Rande der Gesellschaft ist die Evangelisch-methodistische Kirche stets am schnellsten gewachsen. Unsere Mission erlaubt es deshalb nicht, dass nationale, politische und andere Loyalitäten die Einheit in Christus begrenzen. Wenn Gott das Leben liebt, dann sind die Anderen nicht ausgeschlossen. Wir brauchen eine „Miteinanderkirche“, welche einen Beitrag zur Versöhnung unter den Menschen leistet. Erfahrungen von Respekt und Akzeptanz sind im lebendigen und nachhaltigen Austausch verwurzelt.

(Erster Teil aus meinem Referat am Connexio-Weiterbildungstag vom 12. Januar in Solothurn.)

Heinrich Bolleter